Dithyrambe

By Maler Müller

Written 1787-01-01 - 1787-01-01

Ha! was staunen meine Blicke!

Ha! wie schwindeln meine Blicke!

Füllt den mächtigen Pokal,

Füllt ihn, füllt ihn noch einmal!

Daß von meinen blöden Sinnen

Alle Nacht und Nebel fällt!

Ha! nun steh' ich aufgehellt!

Götter! was soll ich beginnen?

Seh' ich eine fremde Welt?

Dorten rauscht der Zug herunter!

Dort herunter! da hinunter!

Soll ich, soll ich zu ihm hin?

Dorten seh' ich selbst Lyäen

Auf dem goldnen Wagen stehen!

Wie des Siegers Wangen glühn!

O! ich seh, ich seh' Lyäen

Wie vor ihm die Tiger knien!

Dorten rauscht der Zug herunter!

Dort herunter! da hinunter!

Soll ich, soll ich zu ihm hin?

Du verklärter Gott der Reben!

Darf ich auch den Thyrsus heben?

Darf ich mit am Wagen ziehn?

Helle, brünstige Gesänge,

Die ihm jede Nymphe zollt,

Strömen durch die Efeugänge!

Wie sein stolzer Wagen rollt,

Wie ihm Löw' und Pardel brüllen!

Ha! aus jeder Rebe quillen

Taumelströme, Wein und Gold.

O ihr Brüder, o ihr Brüder!

Selig, selig, selig, Brüder!

Evan steigt zu mir hernieder,

Lehnet sich an mich vertraut!

Selig, selig, selig, Brüder!

Seht, es rauscht um meine Glieder

Tief herab die Pantherhaut.

Kröne meine Schläfe! Kröne

Meine Stirne, neu geschmückt!

Tanzet vor mir, Silbertöne!

Götter, Götter, wie entzückt!

Flieh' ich auf des Meeres Wogen?

Tret' ich den gehörnten Rhein?

Meine Seele ist entflogen,

Wut durchschauert mein Gebein!

Jacche, Jacche, Jacche, Jacche!

Vater Evan, Vater Bacche!

Jacche, Jacche! Gnade, Gnade!

Reiß' mich von dem Flammenrade,

Reiß'! Schon taumelt auf einander

Erd' und Himmel und Gestirn!

Auf mir steht ergrimmt der Panther

Und zernaget mein Gehirn!

Ach du kommst, du kommst und rettest,

Vater Evan, rettest, rettest,

Kühlst in süßer Wonneflut

Meiner heißen Locken Glut.

Wehe, Wehe! Evan! Wehe!

Ich versinke! Ich vergehe!

Sieh, mich stößet Morpheus hin!

Welche süßen, süßen Lüfte

Jagen kühle Blumendüfte,

Silbern säuseln sie im Fliehn!