Doris Andencken an den seligen Thirsis

By Samuel Gotthold Lange

Written 1746-01-01 - 1746-01-01

Komm, Freundschaft, komm, beschaue die Gegend

Sieh hin, wo sonsten Thirsis gesessen

Sag, ob du nicht die Spuren gefunden,

Der redlichsten Treu.

Du wirst daselbst die Thränen noch finden,

Die einst sein Damon häufig vergossen

Die nicht den strengen Pluto erweichten.

Sie liegen noch da.

Der strengste Frost der rauhesten Winde

Der Fluß und Meer mit Eise beharnischt,

Und der das Land mit Flocken bedecket,

Wagt sich nicht an sie.

Der dürre Staub trägt scheu sie zu decken.

Die Hitze des vertrocknenden Mittags

Die Luft, davon der Pilgrim ermüdet,

Berzehret sie nicht.

Bleibt ewig, bleibt, geheiligste Thränen

Euch sehn die späten Zeiten verwundernd

Und klagen, daß die seltenste Tugend

Ein Grabmal verhüllt.

Doch nein, die Tugend kan nicht verstäuben.

Wenn gleich der Leib im finstern vermodert,

Und die anständgen Minen verschwinden,

So lebet sie doch.

Du lebst mit ihr, du redlicher Thirsis,

Und die aus Neid sich kränckenden Feinde

Sehn dies und kehren schamroth den Rücken,

Um dich nicht zu sehn.

Denn dich entreißt vom Schicksaal des Pöbels

Die Freundschaft und die göttliche Dichtkunst.

Sie tragen dich auf flüchtigen Schwingen

Der Ewigkeit zu.