Dritter Gesang: Aufmerksamkeit, Beobachtungsgabe, Edelsinn, Dankbarkeit, Freuden...

By Johann Kaspar Lavater

Written 1770-01-01 - 1770-01-01

O Menschenherz! Was gleichet deinem scharfen

Gerechten Feinsinn? Wer versteht, wie Du,

Was nie verstehbar ist dem rohen Hartsinn?

Dir ist, wie Mittagsstral, so manche Nacht hell,

Ein Greuel Dir die Sylbenklauberey

Der Schalkheit, welche laut vom höchsten Recht spricht,

Und höhnend lacht, wenn schlichte Menschlichkeit

Es Teufeley und höchstes Unrecht nennet.

O Menschenherz! An Stralen ist die Sonne

Nicht reicher, nicht der Ocean an Wogen

Als Du an feinen Freuderfindungen.

Den vollsten Kelch der Menschenlust genießet

Nur der, der nie das Ziel der Freuderfindung

Für Freudedürftige zu seh'n vermag.

Nur der empfindet tief den hohen Adel

Der Menschheit, läßt sich nie die Götterwürde

Der menschlichen Gestalt verleumden, der

Stets unerschöpflich ist an Menschenfreuden.

Gott ist nur Gott durch Lieb' und Schöpfungswonne.

Erfinden ist's was anders als erschaffen?

Wer nichts erfand, kennt Schöpfungsfreude nicht.

An Gottes Statt, in Gottes hohem Namen

Erschafft der Freuderfinder. Lieber, froher

Erschuff der Schöpfer nie als durch den Guten,

Der nie sich selig nennt als wenn er Brüder

Beseligt! Herz, Du bist's, was Gott erkohr!

Das Beßte wählt der Beste nur. Der Thron

Gebührt dem Könige, das Herz dem Vater

Der Menschenherzen nur. Der ewig liebt,

Bewohnt der Höhen Höh' und Dich, o Du,

Der Geisterwelten Ehre, Menschenherz,

Wo Freuderfindung sich mit Einfalt paart!