[Du Sünden-truncknes Hertz]
Written 1672-01-01 - 1672-01-01
Du Sünden-truncknes Hertz begieb die faule Ruh
Laß dir den matten Schlaf die Augen nicht verbinden
Und bringe diese Nacht mit strengem Wachen zu
Wie dein Erlöser ließ sich dir zum besten finden.
Erwege durchs Gebet zur Andacht wohl bereit
Was dir in dieser Nacht zu Nutze sey geschehen
Wer an dem Creutz um was und wem zu gutt er leyd
So wird man eh den Tag am hellen Himmel sehen
Als alles wird von dir genungsam seyn bedacht,
Mein Eyfer treibet mich diß danckbar zu erwegen
In heisser Andachts-Brunst zu feyern diese Nacht
Mein schecht Vermögen will die Feder niederlegen
Und hemmt der Reime Lauff: Du ungeschaffnes Licht,
Erleuchte meinen Geist entzünde meine Sinnen
Daß was ich schreibe dir zu Ehren sey gericht
Und schau das Hertze wenn die Hand nicht mehr wird künnen.
Man sieht zum dritten mahl des Monden vollen Schein
Bey dunckel-brauner Nacht am Himmels-Saale prangen
Die Sonne findet sich ins vierdte Zeichen ein
Zeit dem der Morgen-Stern aus Jacob auffgegangen
Zeit dem der Weisen Schaar durch einen Stern geführt
Den König aller Welt verehrt in Stall und Krippen
Zeit dem ich lassen seyn durch Gottes Geist gerührt
Den Mensch-gewordnen Gott das Lob-Spiel meiner Lippen.
Izt seh ich wie der Mond am Himmel sich verkreucht
Der Sternen blasses Heer in Wolcken sich verstecket
Der Fackeln schwartzes Pech die trübe Nacht erleucht
Die solche Frevelthat mit ihrem Schatten decket.
Diß tunckel-bleiche Licht führt meine Augen hin
Wo ich den Heyland seh für meine Sünde büssen
Macht daß ich gantz in mir und ausser mir doch bin.
Daß Thränen ohne Zahl aus meinen Augen flüssen
Daß sein und meine Noth mir durch die Seele dringt
O traurens-volle Nacht o Nacht voll Angst und Schrecken
Die unser sündlich Hertz in Furcht und Zagen zwingt
Und diß was steinern ist zur Andacht kan erwecken!
Was seh ich armer Mensch? Der Sünden schwere Last
Den Menschen abgeborgt macht meinen Jesus schwitzen
Der Himmel Erd und See mit seinen Händen fast
Der ewig könt in Ruh auff seinem Throne sitzen;
Was seh ich armer Mensch? Das unbefleckte Blutt
Rinnt von den Wangen ab die voller Unschuld blühen
Man sieht den edlen Thau die heilge Purpur-Flutt
Die Erde welche nicht der Füsse werth durchziehen.
Der das Saphirne Feld das bund-beblümte Land
Die blaulichet-grüne See geschaffen und bemahlet
Mahlt seiner Schmertzen Bild izt in den gelben Sand
Drauß seine Seelen-Angst und Liebe wiederstrahlet.
Die Brunnquell alles Trosts der edle Lebens-Fluß
Durch Gottes Zorn erschöpfft schöpfft Trost von einem Engel
Dem Herren welchem Tod und Leben dienen muß
Ersetzet izt ein Knecht der todten Kräffte Mängel.
Der dem sonst alle Welt die Knie in Demutt beugt
Der sich durch unsre Bitt und Thränen läst versöhnen
Hat zu der Erden hin sein mattes Haubt geneigt
Sucht seines Vaters Zorn vergebens abzulehnen
Der bittre Creutzes-Kelch muß ausgetruncken seyn
Es wäre Schlaffens-Zeit die Nacht ist eingetreten
Nebst seinen Feinden wacht mein Jesus nur allein
Und sorgt vor unsre Ruh mit Wachen Seuffzen Beten.
Des Himmels grosser Fürst dem aller Engel Schaar
Zu Dienste steht läst sich drey Jünger nur begleiten
Bey denen lauter Schlaf und wenig Leben war
Die ihn mit Todes-Angst alleine lassen streiten.
Ein trübes Wolcken-Dach verbirgt des Monden Licht
Der hellen Augen Glantz benebeln Schmertz und Sorgen
Der Himmels-Lichter Schein verräth den Schäffer nicht
Drum muß das blinde Volck bey Pech und Schwefel borgen
Das ungewisse Licht der rechte Friedens-Fürst
Der ohnbewaffnet war in Garten ausgegangen
Wird von der Schaar die so nach seinem Blutte dürst
Gesucht mit Dolch und Schwerd mit Spissen und mit Stangen
Wiewohl sie auff ein Wort zur Erde sincken muß.
Das Friedens-Zeichen muß zur Krieges-Losung dienen
Die wahre Liebe wird durch falschen Liebes-Kuß
Den Feinden Preiß gemacht. Sie dürffen sich erkühnen
Den Arm der uns so viel zum besten hat gethan
Auff dem der Welt-Kreiß ruht mit Stricken zu bewinden
Die Sünden-schwartze Faust fast dessen Unschuld an
Der uns ohn einge Schuld von Schulden will entbinden.
Der König aller Welt der zu der lezten Zeit
Wird durch gerechten Spruch der Menschen Wandel richten
Muß vor den Richter-Stul verbannter Billigkeit
Hört an was wider ihn die falschen Zeugen tichten
Darff nicht wie dennoch steht dem Ubelthäter frey
Dargegen einig Wort mit sichrem Munde führen
Und wenn er frey bekennt was seines Amtes sey
So muß ein harter Streich die zarten Backen rühren
Damit ein stoltzer Knecht aus frechem Ubermutt
Des Herren Rede strafft. Der Mann gerechter Sinnen
Dem keine Falschheit ie befleckt das reine Blutt
Wird biß ins vierdte mahl der Richter Falschheit innen
Und ist ein Gauckel-Spiel der Ungerechtigkeit.
Was nicht der Juden Grimm und Boßheit kan vollenden
Was sie ihm nicht gethan vor Quaal und Hertzeleid
Das überlassen sie der Heyden frechen Händen.
Ach sehet welch ein Mensch! durch Gifft gefüllten Mund
Verspeyt die Krieges-Schaar sein holdreich Angesichte
Sie macht die linde Haut mit rauhen Nägeln wund
Den Sanfftmutt vollen Sinn mit scharffem Hohn-Gedichte.
Ach sehet welch ein Mensch! das edle Fürsten-Haubt
Um welches Sonn und Mond in vollem Scheine gläntzen
Dem aller Sternen Heer zur Krone sind erlaubt
Muß ein geschränckter Zweig von Dornen izt bekräntzen
Die Edelsteine sind das ausgezwängte Blutt
Mit dem o Hertzeleid! der Könge König pranget
O Häubter voller Wind? bedencket was ihr thut
Wenn ihr nach theurem Gold und weichen Rosen langet
Zu krönen euer Haubt den Sitz der Eitelkeit
Seht unsers Haubtes Haubt führt andere Rubinen
Ihn sticht der harte Dorn wenn euch zu Pracht und Freud
Das linde Wurm-Gespinst und zarte Blätter dienen.
Der Hertzog welchen nicht nach Würden kleiden kan
Der Sonnen strahlend Gold des Monden Silberstücke
Legt ein zurissen Kleid voll Staub und Motten an
Daß uns der seidne Rock der reinen Unschuld schmücke.
Den reichen Königs-Stab vertritt ein armes Rohr.
Der Buben Schaar die ihn zu martern ist beflissen
Muß wider Willen auch die Warheit bringen vor
Indem sie ihn zur Schmach als Herr und König grüssen.
Ach sehet welch ein Mensch dort angebunden steht!
Seht wie der heilge Leib mit Ruthen wird zerhauen
Seht wie das milde Blutt aus allen Adern geht!
Man kan des Todes Bild auff seinem Rücken schauen
Doch leucht die Liebe vor die ihn darzu gebracht.
Unselig bist du Mensch du Ursach dieser Plagen
Doch selig wo du klug durch fremde Pein gemacht
Nicht weiter Ruthen wirst auff deine Schultern tragen.
Wofern du nach Gebühr diß unbefleckte Blutt
Mit Thränen wäschest ab von deines Jesu Rücken
Und in dein Hertze senckst so wird es dir zu gutt
In Tods- und Höllen-Angst die matte Seel erquicken.
Ach sehet welch ein Mensch! Es kan auch seine Pein
Der harte Richter selbst nicht unbewegt betrachten
Er sagt: Seht welch ein Mensch! kein Mensch vielmehr ein Schein
Siehstu o Juden-Land nun deinen König schmachten?
Die Besem brechen ab! die Riemen gehn entzwey
Der Hencker Grausamkeit sieht man ihr Ziel erreichen
Lästu nicht deinen Grimm nunmehr auch gehn vorbey?
Ach! möchte dieses Bild doch einen Stein erweichen
Ob dem die Erde seuffzt der Himmel sich entsezt
Der Juden hartes Hertz ist doch nicht zu bezwingen
Und ob Pilatus gleich mit Wasser sich benezt
Und dräuet alle Schuld allein auff sie zu bringen
So ruhen sie doch nicht biß er ein Urtheil giebt
Er soll nach eurem Wunsch als Ubelthäter sterben
Wiewohl er nichts vorher des Todes werth verübt
So muß der Lebens-Herr als wie ein Knecht verderben.
Es kan kaum vor sich selbst der abgematte Fuß
Die unbeholffne Last der schwachen Glieder tragen
Der dennoch über diß sein Creutze schleppen muß.
Es werden Fuß und Hand mit Nägeln angeschlagen
Die aller Welt hinfort des Himmels Schlüssel seyn
Zwey Mörder werden ihm gestellet an die Seiten
Der Herr dem auff ein Wort giebt Wasser Stein und Bein
Der unsre Seelen kan zum Lebens-Brunnen leiten
Klagt über schweren Durst sein honigsüsser Mund
Ist brennend vor Begier nach unserm Heyl und Leben
Macht solche seine Noth mit lautem Ruffen kund
Bald wird ihm bittre Gall und Eßig hingegeben
Zu mehren seine Pein. Ach Sünder! tritt herbey
Dem schnöde Trunckenheit so zu belieben pfleget
Sieh wie dein Jesus hier vor Liebe truncken sey
Und wie er solchen Durst nach deiner Seelen träget
Schaustu ihn dürstende mit trocknen Augen an
Und tränckst sein Hertze nicht mit heisser Busse Thränen
So glaub ich nicht daß ie dein Auge weinen kan
Und daß dein Hertze sich nach eignem Heyl kan sehnen.
Man spottet seiner Angst man lachet seiner Schmertzen
Biß ihm der blasse Tod die matten Augen bricht.
Man bahnt noch einen Weg durch Spieß und Stahl zum Hertzen
Das schon der schwere Tod des Creutzes hingericht
Draus kommet eine Bach von Blutt und Flutt geronnen.
Die Erd' entsetzet sich der Himmel hüllt sich ein
Die Sonne stirbet mit der ungeschaffnen Sonnen
Des schwartzen Tages Nacht will eine Decke seyn
Der grossen Ubelthat die harten Felsen brechen
Die Gräber springen auff die Todten gehn hervor
Weil Simson ausgesezt der Schlangen Macht zu schwächen
Auff seine Schultern hebt der Höllen festes Thor.
Das Leben Israels wird in die Grufft gesencket
Ein enges Grab beschleust den Herren aller Welt
Mein Hertz entsetzet sich wenns diesen Tod bedencket
Die Hand verstarrt der Mund verstummt der Kiel entfällt.
Ach last uns Wang und Brust mit Thränen übergiessen
Weil Gottes liebster Sohn stirbt und nicht schuldig ist.
Last Thränen ohne Maß aus unsern Augen fliessen
Weil Gottes Liebster Sohn für unsre Schulden büst.
Nicht Jud und Heyde nur hilfft ihn ans Creutze schlagen
Nicht Jud und Heyde nur bringt ihn in Noth und Spott
Wir Sünder alle seyn der Ursprung seiner Plagen
Und unsre Missethat verursacht seinen Tod;
Zerfleischet nicht die Haut die Geisseln sind zu linde
Die Riemen sind zu schwach zu büssen solche That
Zureist und reiniget die Hertzen von der Sünde
Die Jesum ohne Schuld ans Creutz gehefftet hat.
Erweichet euren Geist zerknirschet eure Sinnen
Fühlt wahre Seelen-Angst tragt ernste Reu und Leyd
Ihr werdet dennoch nicht genung betrauren künnen
Daß ihr gecreutzigt habt den Herrn der Herrligkeit.
Doch aber müst ihr nicht in solcher Angst verzagen
Des Herren Jesu Tod soll euer Leben seyn
Er hat des Vatern Zorn der Höllen Angst getragen
Und führt euch frey davon in Himmel selig ein.
Schaut mit Verwunderung wie euch der Höchste liebet
Und last euch solche Brunst zur Liebe treiben an
Gebt eure Hertzen dem der euch das seine giebet
Indem er als sich selbst nichts Edlers geben kan.
Last eure Andachts-Glutt durch seine Flamm entzünden
Schwizt Thränen wenn das Blutt aus seinen Wunden fleust
Und wenn eur Lebens-Oel will in dem Tode schwinden
Befehlet wie er that dem Vater euren Geist.