Edmunds Nachtgesang.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Nein, es ist kein täuschend Sehnen,

Nein, mich neckt kein eitler Traum.

Wohl vermag ich Seyn und Wähnen,

Wohl zu scheiden Zeit und Raum.

Prägt nicht itzt noch diesen Boden

Ihres Trittes Rehenspur?

Würzt nicht ihr Ambrosiaodem

Rings die amaranthne Flur?

Fühlt' ich nicht, wie leis' und bange

Mich ihr Lilienarm umwand?

Flammt nicht noch auf dieser Wange

Ihrer Wange keuscher Brand?

Bin ich nicht des Weins noch trunken,

Der auf ihren Lippen glüht?

Dessen Gluthstrom Lebensfunken

Mir durch Mark und Adern sprüht?

Schäumt nicht noch der Becher über,

Dess ich bis zum Taumeln trank?

Bebt nicht noch in Nerv' und Fiber

Des Entzückens Überschwang?

Nein, mich trügt kein täuschend Sehnen;

Nein, mich neckt kein nicht'ger Traum.

Noch vermag ich Seyn und Wähnen,

Noch zu scheiden Zeit und Raum.

Und so wär' ein Kranz errungen,

Wie er keinen noch gekrönt?

Und die Möre wär' bezwungen,

Und die Nemesis versöhnt?

Ihn, den Matten, ihn, den Kranken,

Lezte Labsal, reich und kühl,

Und nach kühn durchmessnen Schranken

Wär' erreicht der Ziele Ziel?

Dennoch hüllt mich leise Wehmuth,

Mich umflort Melancholie.

Ich versink' in Schaam und Demuth.

Edle, dich verdien' ich nie — —

Lass, Geliebte, lass gewähren — —

Nieder sink ich kraftberaubt,

Und gebadet gar in Zähren,

Neigt verzagend sich das Haupt — —

Weg jedoch mit feigen Thränen!

Genius, gürte dich zum Streit!

Spanne die erschlafften Sehnen,

Ringe nach Vortrefflichkeit.

Weggeschmelzt sey jede Schlacke,

Die dein reines Gold versehrt!

Kühn erklommen jede Zacke,

Die dem Flug des Adlers wehrt.

Nein, Erhabne, nie erröthen

Sollst du über deinen Freund!

Mag Apollons Pfeil mich tödten,

Eh dein Liebling dich verneint,

Eh der Treffliche mich tadelt,

Eh sich Pflicht und Ich entzweyn —

Der, den Ida's Wahl geadelt,

Muss der Menschen Erster seyn.

Sinken nur, lass nimmer sinken,

Der durch dich so hoch sich hob!

Kräft'ge mich mit Blick und Winken:

Lohne mir mit süssem Lob.

Reiche mir zum tapfern Kriege

Schleiff' und Schärpe, Band und Tuch,

Und wenn ich erlieg' im Siege,

Kränze meinen Aschenkrug.