Ein Baum

By Anastasius Grün

Written 1842-01-01 - 1842-01-01

Im Tuileriengarten

Blüht ein Kastanienbaum;

Die Brüder aller Arten

Umfängt noch Wintertraum.

Eh' ihre Knospen sprangen,

Rauscht seine Blätterkron';

Eh' sie mit Laub behangen,

Prangt er in Blüthen schon.

So trägt der Auserkorne

Das Lenzpanier voran,

Daß er zur Folge sporne

Den grünen Heeresbann.

Ich lehnt' einst an dem Baume

Der mir zu Herzen sprach,

Und sann im Schattenraume

Dem Blüthenräthsel nach.

Mich wollt's der Geister mahnen,

Die schon zum Licht erwacht,

Als auf der Menschheit Bahnen

Noch lag des Wahnes Nacht;

Ich dachte der Erkornen,

In denen längst geblüht

Was jetzt uns Spätgebornen

Nachlenzet im Gemüth. –

Da schritt mit seinem Sohne

Des Wegs ein Edelmann,

Sah still zur Wipfelkrone

Und sprach zum Jungen dann:

„Hut ab! Ein Denkmal ragen

Siehst du der Schreckensnacht,

Da Meuter hier erschlagen

Die treu'ste Königswacht.

Weil von so edlen Leichen

Gedüngt der heil'ge Baum,

Muß er vor Seinesgleichen

Der erste blühn im Raum.“

Ihm folgten Wandrerschaaren

In Blousenhemden nach;

Ein Werkmann hoch in Jahren

Zu den Genossen sprach:

„Hier haben sie verblutet

Mit Schergen im Gefecht,

Die Männer freigemuthet,

Für ihres Volkes Recht.

Von solchem Thau begossen

Wird fruchtbar jeder Grund,

Drum muß der Baum auch sprossen

Der erste weit im Rund.“ –

Ich horchte ihren Reden

Und sah das Widerspiel,

Als in die alten Fehden

Die junge Blüthe fiel.

Sie wähnen jede Ader

Des Baumes übervoll

Getränkt mit ihrem Hader,

Mit ihrem Zwist und Groll;

Doch er, – o mildes Tauschen! –

Er läßt ihr zürnend Weh

Im Blätterkranz verrauschen,

Verwehn im Blüthenschnee.

Verrausche und verwehe

So unser Leid und Streit!

Den Blüthenkranz nur sehe

Davon die Enkelzeit.