Ein Tantalus

By Paul Heyse

Written 1872-01-01 - 1872-01-01

Nino ist todt. Heut in der Frühe fand

Sein Herr auf dürft'gem Lager ihn entseelt,

Die Miene sanft, wie eines Schlafenden,

Doch alles Rütteln, aller Zuruf war

Umsonst. Zu seiner Tagesfrone stand

Er nicht mehr auf.

Undank, der Lohn der Welt,

Auch dir, du frommer Knecht, ward er zu Teil.

Denn von den Deinen, denen Jahre lang

Du treu gedient, ward eine Träne kaum

Dir nachgeweint, kein Grabgesang ertönt:

In steinigem Acker wirst du eingescharrt

Und morgen schon vergessen.

Ich nur widme

Bewegt dir einen Nachruf. Denn du warst

Zwar nur ein Pferd, doch gut und sanft und wohl

Auch hübsch in deiner Jugend, bis die Last

Der Arbeit dir das glatte Fell verdarb

Und dir der Rücken einsank. Dies zwar ist

Gemeines Pferdelos. Dich aber traf

Ein schlimmres, denn du warst ein Tantalus.

Dein Herr, der Fruttajuol, ein wackrer Mann,

Doch ahnungslos für Pferdeseelenschmerz,

An jedem frühen Morgen spannt' er dich

Vor seinen Karren, drauf in Körben frisch

Ein mancherlei Gemüse lag, Salat,

Kohl, Artischocken, Petersilie, auch

Spinat und würz'ger Fenchel und was sonst

Gott in Italiens Gärten wachsen läßt.

Dann hui! und omm! und Peitschenknall, auch wohl

Ein Peitschenhieb, und auf der Straße fort

Zogst du die grüne Ware für den Tisch

Der Villen, hieltst vor jeder Türe still

Und hörtest hinter dir die Köchin feilschen

Mit deinem Herrn um Leckerbissen, die

Du nie gekostet. Wenn die Hausfrau dir,

Mitleidig gegen jegliches Getier,

Ein Weißbrot spendet' und zuweilen auch

Ein Stücklein Zucker, dankbar nahmst du's hin

Und seufzend doch – ach, nur ein Tropfen war's

Auf heißen Stein! Wie hättst du erst geschwelgt

Im saft'gen Grünzeug, dem du vorgespannt!

Und wieder hui! und omm! und weiter ging's

Den Leidensweg. Sic vos non vobis –! klagte

Dein vorwurfsvoller Blick.

Nun ruhst du aus

Von ungestillter Sehnsucht, und ein andrer,

Nicht braun wie du und auch so mager nicht,

Ein muntrer Scheck zieht den Gemüsekarren,

Noch ganz vergnügt. Ich aber seh' voraus,

Was seiner harrt, und seufze mitleidsvoll:

Auch du bist von des Tantalus Geschlecht!