Eine Blume auf ihr Grab

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Written 1788-01-01 - 1788-01-01

Wie thaun die Nebel über die Morgenflur!

Wie freundlich nickt der regnende Blüthenbaum

Mir seinen Morgengruß durchs Fenster,

Golden vom jüngsten der Sonnenstrahlen.

Ich will dich feiern, heiliger, schöner Tag!

Mit Wonn' und Wehmuth feiern – So feierten

Dich Christus Jünger, als ihr Meister

Ihnen entschwebte vom hohen Tabor.

Noch stand er unter ihnen. Itzt segnete

Sie seine Rechte. Rührender scholl sein Wort –

Und immer heller ward sein Antlitz,

Strahlender immer, und immer hehrer.

Itzt säuselt' es, wie Säusel im Zedernhain –

Itzt hüllten Wolken, duftig und goldbesäumt,

Den Gottgeliebten. – Itzt entschwebt' er

Feierlich langsam seinen Freunden!

Wie standen die Verlaßnen! Wie streckten sie

Ihm nach die heißen Arme! Wie starrt' ihr Blick!

Nun sah'n sie ihn nicht mehr. – Nun stürzten

Thränen der Wehmuth und Wonnethränen!

Ich will dich feiern, heiliger, schöner Tag!

Bist du es nicht, an welchem vor zwanzig sechs

Verblühten Lenzen meine Mutter

Wieder zur himmlischen Heimath kehrte?

Noch rang sie auf dem Lager – es trauerte

Der erste Gatt'! Es wimmerten um ihr Bett

Die Kinder ihres Herzens – Weinend

Sah sie gen Himmel. Der Himmel sah sie.

Sie sprach zum Gatten: Friede, mein Trauter, dir!

Und: Friede sey mit euch! zu den Wimmernden!

Und immer stiller ward ihr Antlitz,

Ruhiger immer und immer heller! –

Und Engelstimmen flisterten: „Komm hinweg!

Komm, theure Schwester! Dulderinn! komm hinweg!“

Da brach ihr müdes Aug'. Ihr Schutzgeist

Trug sie in Veilchengewölk gen Himmel.

Ich will dich feiern, heiliger, schöner Tag!

Mit Wonn' und Wehmuth feiern, so oft du kehrst –

Und kehrst du mir nicht mehr im Staube –

Wonne, so feir' ich dich ihr am Busen!