Eine Nacht

By Ada Christen

Written 1870-01-01 - 1870-01-01

Ich hab' einen schönen Traum geträumt

In einer langen Nacht;

Da warst du gut und freundlich mit mir,

Doch hat's mich traurig gemacht.

Du hieltest mich an die Brust gedrückt,

Unser Athem hat sich vereint;

Ich habe dir die Hände geküßt

Und leise dabei geweint.

Du legtest die Hände mir auf's Haupt

Und sahst mich forschend an;

Ich aber weinte immer fort,

Du hast mir Leides gethan.

„Und hab' ich dir auch Leides gethan,

Vergiß es nur geschwind

Und weine nicht“ – so sprachest du –

„Mein armes verlorenes Kind!

Du sollst nicht mehr verlassen sein,

Ich will dich hegen und pflegen,

Und weil du bald stirbst, so will ich

Dich selbst zur Ruhe legen.“ –

Ich aber weinte immer fort

In der langen bangen Nacht –

Und bin im Arm eines Andern

Am Morgen aufgewacht.