Eine neue Betrachtung über Schmetterlinge.

By Barthold Heinrich Brockes

Ich sahe neulich, mit Vergnügen,

Verschiedne Schmetterlinge fliegen;

Ich dachte dieses Thiers verworfnem Ursprung nach,

Worüber ich denn zu mir selber sprach:

Vom schönen Schmetterling läßt, nach dem Augenschein,

Die Raupe nur der Embrion zu seyn.

Mich deucht, daß ich darinn entdecke,

Wie ein Geheimniß- volles Bild,

Mit reichem Trost für uns erfüllt,

In ihrer Aenderung verborgnen Ordnung, stecke.

So lange hier die Raup’ im ersten Zustand ist,

Seh’n wir, wie sie sich nährt und frißt.

So bald sie den vollkommnen Grad

Von ihrem Wesen nun erhalten hat;

Gebraucht sie keiner Nahrung mehr.

Man siehet sie zuletzt von allem Mangel leer,

In unverändertem Vergnügen,

Auf Lieb’ allein bedacht, in heitern Lüften fliegen.

Vielleicht ist uns in ihm ein Vorbild vorgestellt,

Wir sind vielleicht, so lang’ wir auf der Welt,

Ein blosser Embrion allein

Von dem, was wir dereinst zu seyn,

Uns Hoffnung machen können,

Und was wir Seligkeit und Himmel nennen.

So lange wir allhier auf Erden,

Bringt, weil man vieles nöhtig hat,

Uns mancher Mangel früh und spat

Verschiedne Sorgen und Beschwehrden.

Sonst sind wir überall auf uns allein bedacht,

Wir wollen sonst, daß alles, was gemacht,

Sey bloß für uns hervorgebracht;

Vom allerkleinsten bis zum größten

Sey alles bloß für uns, und uns zum Besten.

Warum denn eignen wir

Uns die Verwandlungen allhier

Nicht zu, und stellen sie uns, als ein Lehr-Bild, für,

So uns vermuhtlich auf der Welt

Zu einem Gleichniß vorgestellt,

Und einer Art Beweis, wie es der Gottheit doch

So möglich und so leicht, auch unsern Stand zu bessern,

Und unsers Wesens Stoff, auch wenn wir gleich erkalten,

Nicht nur die Seele zu erhalten,

Auch selbst der Cörper Schmuck noch zu vergrössern.

Es wird hiedurch zugleich dir ja viel leichter scheinen,

Die Theile zu vereinen,

Als, aus ganz anderm Stoff, ganz andre Sachen,

An Farben und Figur,

An Absicht und Natur,

Hervor zu bringen und zu machen.