Einem Freunde

By Emanuel Geibel

Written 1833-01-01 - 1833-01-01

Wenn kaum erwacht die lauen Lüfte gehen,

Da singt der Dichter schon von Maienwonnen;

Er glaubt beim ersten blassen Strahl der Sonnen

Die Welt im Glanz der Pfingsten schon zu sehen.

So spricht er auch von Liebes-Lust und -Wehen,

Wenn kaum ein flüchtig Lächeln er gewonnen;

Die Blüte, die zu knospen nur begonnen,

Sieht er in Pracht als volle Rose stehen.

Darum, o Freund, verwundre dich mitnichten,

Daß oft ein freudig Lied ihm jetzt beschieden,

Wiewohl sich kaum der Zeit Gewitter lichten.

Mag er bei Tag noch rüstig Waffen schmieden:

Nachts winkt ihm fernste Zukunft in Gesichten,

Und was er schaut, ist Frieden, goldner Frieden.