Einem Kinde der Sünde

By Hermann Conradi

Written 1876-01-01 - 1876-01-01

Ob's deine Augen auch verneinen

Mit ihrem hellen, klaren Licht;

Ob auch auf deinem zarten, feinen,

Madonnenschönen Angesicht

Es liegt, als wäre deine Seele

Ein seltner Kelch, der niemals trog,

Drin Keuschheit sich und Kraft vermähle:

Ein Kind der Sünde bist du doch! ...

Ob deine Augen drohend blitzen –

Ob du auch zitternd, zornbewehrt,

Dich vor dem Frechen suchst zu schützen,

Den deiner Schönheit Reiz betört, –

Der deines Nackens holde Fülle

Umspannen will mit engem Joch –

Ein Bild der lieblichsten Idylle! –

Ein Kind der Sünde bist du doch!...

Ob du auch sittsam deine frommen

Blauaugen niederschlägst, wenn jach,

Wie's just passiert, ein Wort gekommen –

Ein Wort von bravem, derbem Schlag –

Es fährt heraus – die andern kichern:

„Ein Witz, der nicht zum feinsten roch!“

Ob du auch kalt sie's läßt versichern –

Ein Kind der Sünde bist du doch! ...

Denn ich, Madonna, muß es wissen –

Du hast es selbst mir ungesäumt

Gebeichtet, da auf weichen Kissen

Ich manche Nacht bei dir verträumt ...

Dein schöner Leib ist so gesellig

Und Kosen dünkt ihn wunderfein –

Drum bist du heimlich gern gefällig:

Du sollst ein „Kind der Sünde“ sein? ...