Eines Vaters Wehklage. (Nach dem Englischen des John Prince. Ein Fabrikarbeiter ...

By Theodor Fontane

Hell schien der Mond, und seinen blassen Schimmer

Ausweinend in mein kümmerliches Zimmer,

Verlieh er drin viel silberfarbnen Duft

Der schlummerstillen, träumerischen Luft.

Da war’s, da klopfte, weh mir! an mein Fenster

Das schrecklich räthselvollste der Gespenster,

Da hat der Tod, ich war umsonst verschanzt,

An meinem Herd sein Banner aufgepflanzt.

O Trauertag! die letzte seiner Stunden

Schlug meinem Herzen unheilbare Wunden:

Der Blume gleich, die schon im Lenz geknickt,

Hab ich in ihr mein sterbend Kind erblickt.

Noch hielt ich zitternd es auf meinen Knien,

Als es vom Tode schon gestempelt schien,

Und als sein liebes, liebes Auge brach,

Sein letzter Seufzer mir zum Herzen sprach,

Entflohen war, still ohne Kampf, sein Geist,

Da fühlt ich mich auf immerdar verwaist.

Bald ward er, den gehegt ich und gepflegt,

Sanft schlummernd in sein Erdenbett gelegt;

Mitleidge Seelen schlossen einen Kreis,

Still betend standen sie, und weinten leis.

Der Pfarrer sprach; ich aber hörte nur

Den

„wirst deinen Liebling hier nicht wiedersehn!

Bald ist der Liebe letzter Dienst geschehn.“

Dann schlich, oft rückwärts schauend, ich von

Im Weltgewühl den Schmerz zu übermannen.

Ja, du mein Trost und deiner Mutter Stolz,

Die, wenn du krank, in Thränen schon zerschmolz,

Du bist dahin! doch ward dir eine Welt,

Wo man der Tugend keine Netze stellt.

Du darfst im Licht und in der Wahrheit sein,

Derweil ich hier gefangen und allein,

Allein! der Barke gleich, auf offnen Meeren,

Wenn sich die Elemente rings empören;

Allein! ein Harfenspiel, das halb zertrümmert,

Nur fürder noch in Klagetönen wimmert.

Ich traure heimlich: würde sonst ja mehren

Die Qualen, die an deiner Mutter zehren,

Den tiefen Schmerz, um den sie seufzt und weint,

Der ausgeprägt in jedem Zug erscheint.

Oft am Kamine sitzen wir zusammen,

Und schauen, dein gedenkend, in die Flammen,

Und sprechen von der Wangenröthe — ach!

Die langes Leben lügnerisch versprach.

Wir denken jedes Blicks und Wortes dann,

Das, zu dem Herzen sprechend, dir’s gewann,

Und schaun die Schätze an, die schon seit Jahren

Die Quelle deiner Kinderfreude waren,

Und die wir hüten nun, dem Geizhals gleich,

(dein Kleid, dein Spielzeug macht uns überreich!)

Bis wenn sie leichter wird die Herzenslast,

Zur Ruh wir gehen, oder doch — zur Rast.

Zu küssen früh dein schlummernd Augenpaar,

Zu herzen dich, wenn heimgekehrt ich war,

Beim Spiele zu hören dich, dein herzlich Lachen,

Und Sonntags deine Schritte zu bewachen, —

s’ war schön! schön wenn du kindlich mir entdeckt

Auf meinem Schooß, was dich erfreut, erschreckt;

Wenn ich die Dämmrung der Gedanken klärte,

Und dich die Macht der Wissenschaften lehrte.

Das war mein Wunsch: dein kindlich frommes

Die reine Seele rein dir zu erhalten,

Zu leiten deine Schritte, bis die Tugend

Dich wahre vor dem Flattersinn der Jugend,

Und

Wollt’ ich in’s Weltgewühl hinaus dich schicken.

Dann wollt’ ich sterben; und zum Vatersegen

Im Todeskampf die Lippen noch bewegen,

Fest überzeugt, du werdest einst erscheinen

An deines Vaters schlichtem Grab zu weinen.

So war mein Wunsch; doch wollte Gott mir

Wie wenig Weisheit unsrem Wissen eigen;

So war mein Wunsch; doch anders war Sein Sinn,

Und fühlen muß ich, wie so klein ich bin.

Was klag ich auch! Gott rief dich aus dem Leben

Des Himmels ewge Freuden dir zu geben;

Hier aber sei mit nimmermüder Hand

Dem Schwesterlein

Die — säßest du noch auf des Vaters Knien —

Für dich mein Sohn wie aufbewahrt erschien’.

Die

Daß wenn dereinst die Erdenhülle fällt,

Wenn Gott mich ruft, auch mich, vor seinen Thron,

Ich wiederfinde meinen Herzenssohn.