Einige Betrachtungen über die Sonne.
Ohimmlisches, von allen dem, was irdisch, unterschied-
nes Wesen!
O Sonne! dich hab’ ich, von neuem, zu einem Vorwurf
auserlesen,
Um dich mit meiner Seelen Augen, voll Lust und Andacht,
anzuseh'n,
Und mit zwar kühn- doch wohlgemeynten Gesängen in dir
zu erhöh'n
Die Quell’, aus Der du, so wie alles, doch auf ganz andre
Weise, stammest,
Den Born, aus welchem du so herrlich, zum Heyl der Crea-
turen, flammest.
O herrlichs Licht, voll Fruchtbarkeit, voll Schönheit, An-
muht, Nutz und Segen,
Ohn’ dessen überird’schen Glanz, und unerschöpfter Strah-
len Pracht,
Die Wesen aller Dinge fast in ein’ unwesentliche Nacht
Verwirret und versunken lägen,
Ohn’ dessen Licht, ohn’ dessen Schein
Wir nichts von aller Dinge Seyn
Zu fassen, noch zu seh’n vermögen.
Wir werden dich, mit allem Recht,
Vom Schöpfer einen Ausfluß nennen,
Und, da du nicht nur Licht und Schein, zu unsrer Anmuht,
uns gewährest,
Nein, da du uns zugleich erhältst, erwärmst, belebest und
ernährest,
Dich für des grossen Schöpfers Werkzeug, ja seinen Schat-
ten, halten können.
Wer allen Nutzen fassen wollte von deinen milden Segens-
Flüssen,
Würd’ aller deiner Strahlen Zahl im Sommer-Mittag
zählen müssen.
Zumahl sich, unter so viel Kräften, noch eine sondre Kraft
befindet,
Durch welche, durch ein streng- geheimes, und unaufhör-
lichs Ansichziehn,
Sich der Planeten Meng’ und Grösse in ihren weiten Kreisen
bindet,
So, daß sie, bloß durch dich regieret, in einer steten Ordnung
fliehn
Vom weit entlegenen Saturn bis zum kaum sichtbaren
Mercur.
Du bildest, färbest und verschönerst die ganze sichtbare
Natur,
Du schenkst dem Himmel den Sapphir, der schönen Morgen-
Röht Opalen,
Wie auch des bunten Regen-Bogens, sind alle Kinder deiner
Strahlen.
Bey so viel wunderreichen Kräften, bey so viel Segens-Ei-
genschaften,
Die all’ an deines hellen Lichts Bewundrungs- wehrten
Ausfluß haften,
Die so beschaffen, daß ohn’ dich das ganze Wesen aller Dinge
Zerstöret, aufgelöst, verschwünd’, und in sein vorigs
Chaos ginge,
Wird eine Seele, die vernünftig, ja wohl, mit höchstem
Recht, gesteh'n,
Man müsse, durch dein Licht geleitet, nach deines Lichtes
Quelle geh'n,
Und, in dir, als der nächsten Stuffe, sich zu dem ew’gen Licht
erhöh'n,
Das auch die Seraphinen selber nicht anders, als verhüllet,
seh'n,
Das unerschaffen, undurchdringlich, in einer nie geseh’nen
Klarheit,
Von ew’ger Liebe, Seligkeit, Macht, Ehre, Majestät und
Wahrheit,
In einer sel’gen Ruhe ruht. Aus dessen Licht die Lichter
fliessen,
Die, zu unzählbarer Geschöpfe Gedeyen, Segen und Er-
spriessen,
Durch so viel Millionen Sonnen, in allen Himmeln sich
ergiessen.