Einladungs-schreiben zur hochzeit an einen guten freund in Meissen. H. M.
Es grüst dich ietzt mein brief o alter schul-geselle
Von kindheit treuer freund mein werther Seidemann;
Und wünscht er sehe dich nur selber zu der stelle
Nun mir des himmels gunst das hochzeit
Denn ich kan ohne dich vergnüget nicht erscheinen
Du weist wie freundschafft uns genau zusammen bindt
Und der ist von metall von felsen und von steinen
Der einen landsmann weiß und ihn nicht selber find.
Kein Greiffenberger wird erfreulich können greiffen
Wenn nicht sein mitgesell empfindet gleiche lust
Ich tantzte noch so gut wenn du mir würdest pfeiffen
Dieweil du keinen sprung vergebens selber thust.
Nun höre wie das glück so vortheilhafftig handelt
Es sieht uns bald geneigt bald wieder sauer an:
Nach dem mein erstes weib zur langen ruh gewandelt
So dacht ich auch nun ists mit dir durchaus gethan.
Ich wolte durch die welt aufs neue wieder reisen
Ich wolte gleich wie du in fremde gräntzen ziehn
Ich meinte keinem gehts als wie dem herren Weisen
Der ietzt in Breßlau kan in vollem seegen blühn.
Ich schloß: du bist nicht schwer dich drücket keine bürde
Es macht dir weder kind noch stieffkind schwere pein
So nannt ich grossen stand und allzu hohe würde
Melonen die für mich gar nicht zu essen seyn.
Bald dacht ich wiederum: Wo wird dein freund itzt leben?
Mir war zwar wohl bekandt daß Meissen dich umschloß:
Ich sorgte wird es ihm auch satt zu essen geben?
Die blick und worte sind da freundlich reich und groß.
Dann sah ich wiederum und auf mich selbst zurücke
Und zog mit frohem geist nach meinem vetter hin
Gott fügt es wunderlich ich fand da mein gelücke
Er sprach: bleib bey mir hier erwarte den gewinn.
Ich folg und lasse den der mich erschaffen walten
Verehre meinen GOtt mit brünstigem gebet
Voll hoffnung daß er werd’ auch sein versprechen halten
Daß kein rechtgläubiger umsonst ihn angefleht.
Ich gehe drauff getrost und suche lieb und hulden
Und finde diese frau der ich mich ietzt vertraut.
Sie spricht ich solle mich ein weniges gedulden
Biß daß sie mein gemüth und hertze vor beschaut.
Sie ziehet nachricht ein von meinem thun und leben
Und höret wer ich bin und was ich je gethan
Und weil die Jauter mir ein gutes zeugniß geben
So nimmt sie mich zum schatz und ihrem bräutgam an.
Ich werde nun getrost zum kretschmar Urbar schreiten
Nicht wundre dich mein freund daß ich den schluß gemacht.
Was sind studenten doch bey den elenden zeiten?
Es wird ein arm gesell verspottet und verlacht.
Was hilfft uns alle kunst wenn man soll hunger leiden
Und auf den dörffern wohl präceptor sterben muß?
Wenn bauren sich in tuch und wir in leinwand kleiden
Und ein zerrißner schuh kaum decket unsern fuß?
Die Musen betteln itzt und stehen vor den thüren
Es ist kein schlechtrer mensch als ein gelehrter mann
Und solt ich diesen wahn mich länger lassen führen
Mein hertz-vertrauter freund ich griff es anders an.
Ich mag nicht auf der welt die bogen voller titel
Vor mir mag jederman vorn an der spitzen stehn.
Beschert der höchste GOtt nur mir zu leben mittel
So laß ich andre gern im ersten paare gehn.
Nun bruder Seidemann daß ich den zweck erreiche
Komm auf mein hochzeit-fest ein hochgewünschter gast
Es wird kein edelmann indeß zu einer leiche
Von dem du irgend noch fünff groschen rechnung hast.
Du wirst zu Breßlau noch so eine mahlzeit finden
Die deiner Meißnischen durchaus die wage hält
Es soll ein safftig stähr dir das geblüt entzünden
Daß er wie bitter bier dir in die kehle fällt.
Behüte GOtt dafür! ich will dein land nicht tadlen
Das reine Meissen ist ja voller-reinligkeit
Und weil es sparsamkeit und kluge kargheit adeln
So leg ich alles diß was widrig ist bey seit.
Allein o alter freund du wirst es selbst bekennen
Daß unser Schlesten viel beßre nahrung hat.
Wer einmahl zu uns kommt wird leicht davon nicht rennen
Und spricht
Du wirst den gantzen tisch mit speisen sehn besetzet
Wenn ein gerichte kaum bey euch die augen füllt
Man dencket wie nur recht der magen werd’ ergetzet
Und daß er nicht so bald für neuem hunger billt.
Ich will dir schwartzen schöps und neues bier gewähren
Bedencke jene zeit wie du gezogen hast
Du magst bey mir so frisch als wie die schlemmer zehren
Die zahlung kommt auf mich du bist mein lieber gast.
Die hüner sind allhier nicht auf dem mist gemästet
Wie man bey euch gewohnt das kalbfleisch ist recht fett
Und wen das rindfleisch hier zum besten nicht geköstet
So glaub ich daß er nicht vernunfft und sinnen hätt.
Es soll an wildpret dir und vogeln gar nicht mangeln
Da du zu Lauchstädt nur spatz und goldammern speist
So darffst du nicht wie dort erst deinen weißfisch angeln
Weil sich ein welß und aal hier auf dem tische weist.
Zu diesem geb ich wein den safft von edlen trauben
Der gar weit herrlicher als euer eßig schmeckt.
Du magst mein Seidemann mir kühn- und kecklich glauben
Daß nach dem nectar-tranck man alle singer leckt.
Verzeihe daß ich ietzt mit dir auffrichtig schertze
Denn freunden ist ja nicht dergleichen lust versagt.
Du kennst mein treu gemüth und mein getreues hertze
So weiß ich daß dir auch ein reiner schertz behagt.
Mein mund wird künfftig GOtt ein Halleluja singen
Wenn dein betrübter hals nur miserere schreyt
Wenn dir die knaben nicht genugsam holtz einbringen
Und bey dem strengen frost der baur zehlt jedes scheit.
Zwey freunde haben gantz ein sonderbahr gelücke
Mich deckt ein steinern hauß dich eine leimern wand.
Ich kauff ein halstuch ein du küh- und kälber-stricke
Mein boden der ist fett und mager ist dein land.
Es will die dürfftigkeit stets deine nachbarn heissen
Wenn eine kirmeß dir nicht noch ein träncklein giebt.
Du spinnst wohl seide nicht mein Seidemann in Meissen
Dein garn das ist zu grob dein faden nicht beliebt.
Das kraut ist heuer klein der kohl ist nicht gerathen
Die rüben sind verdorrt die möhren sonder safft.
Ach! welche theure zeit ach welche magre braten!
Die dir dein cantor-amt zu Lauchstädt reicht und schafft.
Es wird ein schlechtes muß mit etwas kalten speisen
Und mehr als schwartzes brod in deine gurgel ziehn
Da hasen hirsch und reh capaunen bey herr Weisen
Zum besten zugericht auf seinem tische blühn.
Bald stärckt uns Ungarns wein bald sect den blöden magen
Da dir ein brantewein den besten purpur schenckt.
Und läst du eine wurst den sonntag dir vortragen
So glaube daß bey mir gantz voll der trender hengt.
Ein gantzes bier bringt mehr als deine gantze schule
Ob schon das herbst-quartal das allerbeste scheint
Du sitzst auff einer banck und ich auf einem stuhle
Und meine nahrung ist mit deiner nicht vereint.
Bedencke wenn du must die nackten backen fegen
Und dir ein stinckend dampff in das gesichte steigt
So spür ich GOttes gunst und seinen milden seegen
Den er mir überall in meinem Urbar zeigt.
Zwey knechte stehen dar zu meinen dienst und willen
Da nicht ein knabe da zu wischen deine schuh;
Hör ich laut’ und viol so hörst du kühe brüllen
Und Lauchstädts bremmer schreyt ein grob runda dazu.
Und käm ich gleich zu dir was kanst du mir vorsetzen?
Der schulen fenster sind ietzt mit papier bedeckt
Ein wenig zwiebel-fisch und etwas von den pletzen
Und knoblauch ist der schatz der noch zu Lauchstädt steckt.
Das neu-jahr ist sehr schlecht der baur ist gantz verarmet
Du wirst wohl heuer nicht viel fette schincken sehn
Und wo der himmel sich nicht über dich erbarmet
So dürffte dich der wind mit samt dem hauß wegwehn.
Doch lob ich deinen muth den helden-muth in allen
Du bist Auroren gleich frisch munter im gesicht
Und wird ein brandtewein zur morgen-stunde fallen
So glaub ich daß du tauschst mit cron und scepter nicht.
So gehts o Seidemann! was nützen die camönen
Was hilfft es daß man sich zu tode hat studirt?
Es wird ein reicher baur nur unsre kunst verhönen
Wenn Merseburger bier er in den keller führt.
Entbrich dich diesem joch entbrich dich solchen knaben
Barfüssern in dem lentz flöh-saamen wenn es schneyt;
Was wilst du länger noch ihr garstig fell beschaben?
Wie daß ein schilling dann so hertzlich dich erfreut?
Verlaß das Babylon und seine wüsteneyen
Bey diesem volcke gilt noch harffe noch gesang.
Ein cantor als wie du von schönen melodeyen
Dem wird zu Lauchstädt nur die zeit und weile lang.
Komm als ein hochzeit-gast vielleicht kan es gelingen
Daß dir dein vaterland gönnt wieder feur und herd.
Ich weiß dein liebes weib eilt schon mit vollen springen
Wünscht daß in Schlesien ihr sey ihr grab beschert.
Kein thon auff dieser welt soll mich so sehr erquicken
Als wo ein hochzeit-lied mein Seidemann noch singt
Es wird dich vetter Weiß in arm und beine zwicken
Und sagen: schaue doch wie Langen es gelingt.
Ich will dich länger nicht mit meiner schrifft verweilen
Die knaben stehn schon da und ruffen A B C;
Zu dem so heist mich auch der bote fort zu eilen
Leb unterdessen wohl mein liebster freund ade!