Eitelkeit.

By Hans Aßmann von Abschatz

Ihr bejahrten Eich- und Tannen deren dick-umlaubtes

Haubt

Diesem Bache Schatten giebet ihre Macht der Sonnen

raubt

Wie vergleicht sich euer Stand also wenig mit dem meinen!

Wie so wenig kan der Mensch eurem Wesen ähnlich schei-

nen!

Hundert Jahre sind verstrichen und ihr seyd noch frisch und

gantz

Eure Rind’ und Blätter haben noch vollkommen ihren

Glantz.

Ich bey Leben mehr als todt muß dem Rest der Jahre wei-

chen

Eh ich noch das halbe Theil eures Alters kan erreichen.

Euch muß nutzen mehr als schaden der beflammte Sonnen-

Schein

Was der kalte Winter raubet bringt der warme Sommer

ein;

Ich erfriere wenn es kalt; ich verbrenne wenn es hitzet

Weder Lentz noch Winter ists welcher mich vorm Tode schützet

Ihr erhebet eure Wipffel fast biß an das Sternen-Dach

Ihr umarmet Lufft und Wolcken gebet keinem Sturme nach;

Ich vor Blitz und Donner scheu muß das Haubt zur Erden

biegen

Deren offne Schoß für mich machet Raum und Platz zu lie-

gen.

Sind nun mehr als wir die Bäume was erhebt sich unser

Geist?

Was ists daß man in Gedancken über Mond und Sternen

reist?

Last uns iede Stund und Tag ieden Morgen also leben

Als wenn auff den Abend wir müsten Gutt und Blutt be-

geben.