Ejusdem. Desiderium VIII.
Ach könte sich mein Haupt in eine Fluth verkehren
Es müsten Tropffen da wo jetzund Haare stehn
Die Stirne wär ein Feld durchschwemmt mit heissen Zäh-
Sie möchten ungehemmt auf ihren Ufern gehn.
Daß die zwey Augen nicht zerrinnen in zwo Quellen
Es wird ein eintzig Strom aus beyden Flüssen seyn
Und brächte
So nehme meine Fluth den grösten Raum doch ein.
Ob dort Andromache schon an dem Felsen thränet
So gleicht ihr gantzes Naß doch meinen Zähren nicht
Ob David schwemmt sein Bett und sich unendlich sehnet
So hält der Thränen Macht den meinen kaums Gewicht.
Es mag die Magdalen des HErren Füsse baden
In wahrer Hertzens-Reu und ungefärbter Buß
Und Petrus welcher sich mit Meineyd hat beladen
Gekränckt von Furcht und Angst zerschmeltzt in einen Fluß.
So ist mirs nicht genug Ich will des Nilus Gusse
Wenn Siebenströhung er der Jsis Aecker netzt
Und dann den Wassermann wann er die nassen Füsse
Ins triebe Winter-Jahr mit vollen Krügen setzt.
Wie wenn ein Wolckenbruch vom blauen Himmels-Bogen
Mit schwartzem Ungestümm erschrecklich sich ergeust
Stadt Dörffer Feld und Wald die stehn in Wasserwogen
Und alles überdeckt wohin die Fluth sich reißt.
So wünsch ich daß sich auch der Augen Brunn erhebe
Und daß mein kranckes Haupt sey ein weite See
Daß stat der Augen ich zwey Bäche von mir gebe
Daß von den Wangen mir das Wasser niemals geh’
Damit ich nimmermehr dieselben trucknen möchte
Daß auch das Auge selbst in eigner Fluth erstickt
Und daß die Thräne mir den letzten Tropffen brächte
Der mit dem Weinen auch zugleich mein Leyd ausdrückt.
Jhr blaues Wasser-Volck ihr Meer-Einwohnerinnen
Seyd tausendmal beglückt die ihr verwandelt seyd
Jhr Glieder die ihr müst nunmehr als Brunnen rinnen
Und vormals Jungfern war’t voll holder Lieblichkeit.
Daß meine Armen nicht verwandeln sich in Bäche
Und graue Wellen gehn auff dem bemoosten Haar
Ich wünsch ein Brunn zu seyn je mehr ich dieses spreche
Je mehr wird mirs versagt und bin verlassen gar.
Ach könt ich
Umb seine
Und müste meine Fluth wie
Die selbst der Götter Zorn zu einem Brunn erweckt.
Ach wäre mir vergunt in solcher Form zu spielen
Wie Achelous that mit seiner leichten Fluth
Als Hercules an ihm die Flammen wolte kühlen
So von der Lieb entsprang und herrscht in mancher Glut.
Den Wechsel der Gestalt begehrt ich nicht zu haben
Noch den geborgten Leib so wie ein Ochse schien
Ein schlechter Brunn zu seyn schätzt ich für Gut und Gaben
Und fliessen fort für fort den herrlichsten Gewinn.
Mehr Ehre wünsch ich nicht als nur ein reiches Rinnen
Und meiner Augenbraun den unerschöpfften Fluß
Der wie als wenn der Schnee schmeltzt von des Pindus Zinnen
Stürtzt seine Wellen ab in starcken Wasser-Guß.
Die Thränen sollen mir durch das Gesichte schiessen
Und Strömen gleiche gehn bey Tag und auch bey Nacht
Ich will von keiner Lust als nur von Thränen wissen
Biß meine Laster ich mit Thränen rein gemacht.