Ekloge .
Die ihr vom Sund bis zum Istrischen Golf,
vom Rhein bis zur Dwina
Öfter den Niegeseh'nen begrüsset mit freundlichen
Zeilen,
Eurer Liebe Kund' ihm bringet, und Kunde da-
gegen
Seines Leidens und Thuns von dem Nimmerzusehen-
den heischet;
Hört, wie ich leb', ihr Guten, in meiner äusser-
sten Thule,
Wie am Gestade des wogenden Meers, wie so fern
von der Städte
Lärmendem Prunk, von den Freuden des Klubs,
von den Zirkeln der Weisen
Und von der Freund' erquickendem Umgang; wie
mir des Tages
Zögernde Stunden entfliehn, und die einsamen
Stunden des Abends —
Dieses alles vernehmt, dieweil ihr es heischtet,
Geliebte.
Zwischen wallenden Saaten, und zwischen den
Pappeln des Kirchhofs,
Rechts und links umgürtet mit labyrinthischen Gär-
ten,
Von Sturmweiden bekränzt und hundertjährigen
Eschen,
Ruhet des Einsamen stilles Gehöft am Saume des
Fleckens.
Räumig und rein ist der ländliche Hof. In des Ho-
fes Vorgrund
Wohnt im bescheidenen Häuschen der wohlbeleibte
Colonus.
Manche zog er der rüstigen Söhne, der blühenden
Töchter,
Deren die Einen am Pflug', an der Sens', in der
Scheun' und der Wiese,
Diese mit hochgeschürztem Gewand am Herd und
der Krippe,
Auf der Bleich' und am Webstuhl die alternden
Eltern erleichtern.
Reges Leben, und fröhlicher Fleiss, unendlicher
Jubel
Tönt um uns her in die sinkende Nacht vom däm-
mernden Morgen.
Horch, es pfeift im Verschlag der Hechselschneider.
Es flöten
Während des Sägens die munteren Bursche. Die
fröhlichen Dirnen
Säubern dahlend den Stall, und bleichen jachternd
die Leinwand.
Siehe, wie brausen im Weiher des Hofes die dam-
pfenden Pferde!
Siehe den breitgestirnten Stier, die hüpfende
Starke,
Und die ehrbarwandelnde Kuh mit strotzendem
Euter.
Schnaufend stehen sie, schlürfen des trüben Teiches.
Die Enten
Lärmen dazwischen; es schnattern die Gäns'; es
kollert der Truthahn.
Lauter denn all' erjauchzt der schwemmende Junge.
Das Mägdlein
Kniet am Eimer indess und singt sich ein lustiges
Stuckchen.
Aber ein wenig zurückgerückt vom Lärmen der
Wirthschaft
Ruht an des Hofes fernstem Saume das ländliche
Wohnhaus.
Finster belaubte Kastanien schirmen die Stufen des
Eingangs
Vor der Sonne mittäglichem Brand. Ein lachender
Rasen
Dienet zum Tummelplatze, zum fröhlichen, wei-
ten, den Kleinen,
Welche das rothe Staket vor des Teichs Gefahren
beschützet.
Schlecht und recht ist mein ländliches Haus. Nicht
Pfannen noch Zungen
Decken es, sondern der wärmende Halm, und die
Wand ist nur leimern.
Aber drinnen ist's dämmernd und kühl. Es umsäu-
seln den Gastfreund
Fried' und Still' und vertrauliche Ruh. Nicht tauscht'
ich mein Halmdach
Gegen Potemkins Eisenpallast, mein freundliches
Zimmer
Nicht um den Bernsteinsaal der grossen Frauen in
Osten.
Wie ich verlebe den zögernden Tag, wie des
einsamen Abends
Langsam gleitende Stunden dem Abgeschiedenen
fliehen,
Dieses vernehmt nunmehr, dieweil ihr es heischtet,
Geliebte.
Dämmernd erwacht in Osten der Tag. Die Blume
des Morgens
Öffnet die tausendblättrige Knospe. Die Rosen, die
Krokos
Regnen mir zwischen den Vorhang hinein. Die
wachsende Helle
Reget mir leise die Wimper, und sanft erwach' ich
ins Leben.
Angelächelt vom werdenden Tag' entschlüpf' ich
dem Lager,
Lehn' ins offene Fenster hinaus, und Augen und
Seele
Weiden sich, wiedergeborne Natur, an deiner Ver-
jüngung.
Dieses lautere Blau, und diese lebendige
Kühle,
Diese duftende Frisch', und dieses wogende Licht-
meer —
Quellen sie, rieseln sie nicht aus des Ewigen strö-
mender Urne?
Heben sie nicht den ermatteten Geist zu dämoni-
schem Leben,
Blähen mit Äther die Brust, und schwellen die
Adern mit Ichor?
Sieh, wie das springende Licht in immer mäch-
tigern Strahlen
Aufsprüht! Wega erblasst; es verbleicht die Wange
Selenens;
Phosphoros hängt mit geschorenen Locken. Im lo-
dernden Frühroth,
Siehe, wie funkeln die Gärten! Wie weben die
Wipfel der Esche!
Siehe, wie blitzet die thauende Flur! Der blühende
Himmel
Strahlet gemildert zurück aus des Meers geschliffe-
nem Spiegel.
Also entstieg dem Bade des Meers der Dulder
Odysseus,
Schimmernd von Schönheit und Reiz. Wie die pur-
purne Blum' Hyakinthos
Wallte geringeltes Haar um seine blendenden
Schultern.
Also enttauchet in blendendem Glanze, von bren-
nenden Locken
Rings umrollt die Sonne den öftlichen Fluthen.
Wie glühet
In ihr fliessendes Gold getaucht des
Graue Scheitel. Wie flimmern die Wetterfahnen des
Dorfes,
Wie die Fenster der Burg, worinnen mein
wohnet!
Aber schon wird dem Betrachter des unermess-
lichen Himmels
Und der lebenernährenden Erde zu enge das Zim-
mer.
Lechzend den volllebendigen Strom mit lüsternen
Zügen
Einzuschlürfen, mich sehnend an deinen wallenden
Busen,
Mutter Natur, mich anzuschmiegen, mit Inbrunst
des Kindes,
Flieg' ich die Stufen hinab, entschlüpfe den Pfor-
ten, und schreite
Selig hinaus in den seligen Tag; die Kühle des
Morgens
Wehet schauernd mich an, wie Säusel der nahen
Gottheit!
Sinnend wandl' ich nun auf und ab auf duften-
dem Rasen,
In der Kastanien fächerndem Schirm, erfrische die
Glieder
Mit der Kühle des Quells und mit der Kühlung des
Morgens,
Mustre die Blumen, die hinter den grünen Staketen
am Fenster
Etwa die thauende Nacht erschloss, und die freund-
liche Frühe,
Breche die blühendste mir, die blätterreichste der
Rosen,
Höre der Melkerin Morgengesang, des tränkenden
Jungen
Frohes Gejauchz', und bedenke die Pflichten des
eigenen Tagwerks.
Itzund träget der Diener der gabenreichen Le-
vante
Balsamhauchendes Öl hinan die Stufen. Nicht un-
gern
Folg' ich dem Knaben. Und während noch säuselt
die freundliche Frühe,
Während noch schlummern das liebende Weib und
die lärmenden Kleinen,
Tauch' ich hinunter in seliger Muss' in die Wonne
des Denkens,
Steige hinab in die Tiefen des Ich, in den Schacht
des Bewusstseyns,
Lüpfe den Schleyer des Denkens und lausch' am
Vorhang des Wollens;
Suche das ewig entschlüpfende Band, das mit dem
Gedanken
Das Gedachte verknüpft und mit dem Grunde die
Wirkung;
Grübl' über Raum und Zeit, und über das Seyn und
das Nichtseyn,
Über die Form und den Stoff, und über das Ich
und das Nicht-Ich;
Über den Trieb und die Pflicht, und über das Thun
und das Leiden;
Über den schwerzuschlichtenden Zwist der Natur
und der Satzung,
Über den ewigen Kreisgang, und den unendlichen
Fortschritt;
Über das eiserne Fatum, und den anarchischen Zu-
fall;
Über des Weisen tröstende Ahnung, den Glauben
der Guten
An moralische Ordnung und weise Güte des Welt-
plans —
Über diess alles versteigt sich der Grübler in schau-
dernde Tiefen,
Thürmet Soriten, und spaltet Begriffe, und wäget
den Ausdruck,
Bis es ihm schwindelt. Der Faden entschlüpft, die
Fackel erlischt ihm.
Undurchdringliche Nacht und ausganglose Verwir-
rung
Starren um den Tappenden her. Es retten ihn kaum
noch
Des Gemeinsinns leitender Strahl und der Rufer
im Busen.