Ekloge .

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Die ihr vom Sund bis zum Istrischen Golf,

vom Rhein bis zur Dwina

Öfter den Niegeseh'nen begrüsset mit freundlichen

Zeilen,

Eurer Liebe Kund' ihm bringet, und Kunde da-

gegen

Seines Leidens und Thuns von dem Nimmerzusehen-

den heischet;

Hört, wie ich leb', ihr Guten, in meiner äusser-

sten Thule,

Wie am Gestade des wogenden Meers, wie so fern

von der Städte

Lärmendem Prunk, von den Freuden des Klubs,

von den Zirkeln der Weisen

Und von der Freund' erquickendem Umgang; wie

mir des Tages

Zögernde Stunden entfliehn, und die einsamen

Stunden des Abends —

Dieses alles vernehmt, dieweil ihr es heischtet,

Geliebte.

Zwischen wallenden Saaten, und zwischen den

Pappeln des Kirchhofs,

Rechts und links umgürtet mit labyrinthischen Gär-

ten,

Von Sturmweiden bekränzt und hundertjährigen

Eschen,

Ruhet des Einsamen stilles Gehöft am Saume des

Fleckens.

Räumig und rein ist der ländliche Hof. In des Ho-

fes Vorgrund

Wohnt im bescheidenen Häuschen der wohlbeleibte

Colonus.

Manche zog er der rüstigen Söhne, der blühenden

Töchter,

Deren die Einen am Pflug', an der Sens', in der

Scheun' und der Wiese,

Diese mit hochgeschürztem Gewand am Herd und

der Krippe,

Auf der Bleich' und am Webstuhl die alternden

Eltern erleichtern.

Reges Leben, und fröhlicher Fleiss, unendlicher

Jubel

Tönt um uns her in die sinkende Nacht vom däm-

mernden Morgen.

Horch, es pfeift im Verschlag der Hechselschneider.

Es flöten

Während des Sägens die munteren Bursche. Die

fröhlichen Dirnen

Säubern dahlend den Stall, und bleichen jachternd

die Leinwand.

Siehe, wie brausen im Weiher des Hofes die dam-

pfenden Pferde!

Siehe den breitgestirnten Stier, die hüpfende

Starke,

Und die ehrbarwandelnde Kuh mit strotzendem

Euter.

Schnaufend stehen sie, schlürfen des trüben Teiches.

Die Enten

Lärmen dazwischen; es schnattern die Gäns'; es

kollert der Truthahn.

Lauter denn all' erjauchzt der schwemmende Junge.

Das Mägdlein

Kniet am Eimer indess und singt sich ein lustiges

Stuckchen.

Aber ein wenig zurückgerückt vom Lärmen der

Wirthschaft

Ruht an des Hofes fernstem Saume das ländliche

Wohnhaus.

Finster belaubte Kastanien schirmen die Stufen des

Eingangs

Vor der Sonne mittäglichem Brand. Ein lachender

Rasen

Dienet zum Tummelplatze, zum fröhlichen, wei-

ten, den Kleinen,

Welche das rothe Staket vor des Teichs Gefahren

beschützet.

Schlecht und recht ist mein ländliches Haus. Nicht

Pfannen noch Zungen

Decken es, sondern der wärmende Halm, und die

Wand ist nur leimern.

Aber drinnen ist's dämmernd und kühl. Es umsäu-

seln den Gastfreund

Fried' und Still' und vertrauliche Ruh. Nicht tauscht'

ich mein Halmdach

Gegen Potemkins Eisenpallast, mein freundliches

Zimmer

Nicht um den Bernsteinsaal der grossen Frauen in

Osten.

Wie ich verlebe den zögernden Tag, wie des

einsamen Abends

Langsam gleitende Stunden dem Abgeschiedenen

fliehen,

Dieses vernehmt nunmehr, dieweil ihr es heischtet,

Geliebte.

Dämmernd erwacht in Osten der Tag. Die Blume

des Morgens

Öffnet die tausendblättrige Knospe. Die Rosen, die

Krokos

Regnen mir zwischen den Vorhang hinein. Die

wachsende Helle

Reget mir leise die Wimper, und sanft erwach' ich

ins Leben.

Angelächelt vom werdenden Tag' entschlüpf' ich

dem Lager,

Lehn' ins offene Fenster hinaus, und Augen und

Seele

Weiden sich, wiedergeborne Natur, an deiner Ver-

jüngung.

Dieses lautere Blau, und diese lebendige

Kühle,

Diese duftende Frisch', und dieses wogende Licht-

meer —

Quellen sie, rieseln sie nicht aus des Ewigen strö-

mender Urne?

Heben sie nicht den ermatteten Geist zu dämoni-

schem Leben,

Blähen mit Äther die Brust, und schwellen die

Adern mit Ichor?

Sieh, wie das springende Licht in immer mäch-

tigern Strahlen

Aufsprüht! Wega erblasst; es verbleicht die Wange

Selenens;

Phosphoros hängt mit geschorenen Locken. Im lo-

dernden Frühroth,

Siehe, wie funkeln die Gärten! Wie weben die

Wipfel der Esche!

Siehe, wie blitzet die thauende Flur! Der blühende

Himmel

Strahlet gemildert zurück aus des Meers geschliffe-

nem Spiegel.

Also entstieg dem Bade des Meers der Dulder

Odysseus,

Schimmernd von Schönheit und Reiz. Wie die pur-

purne Blum' Hyakinthos

Wallte geringeltes Haar um seine blendenden

Schultern.

Also enttauchet in blendendem Glanze, von bren-

nenden Locken

Rings umrollt die Sonne den öftlichen Fluthen.

Wie glühet

In ihr fliessendes Gold getaucht des

Graue Scheitel. Wie flimmern die Wetterfahnen des

Dorfes,

Wie die Fenster der Burg, worinnen mein

wohnet!

Aber schon wird dem Betrachter des unermess-

lichen Himmels

Und der lebenernährenden Erde zu enge das Zim-

mer.

Lechzend den volllebendigen Strom mit lüsternen

Zügen

Einzuschlürfen, mich sehnend an deinen wallenden

Busen,

Mutter Natur, mich anzuschmiegen, mit Inbrunst

des Kindes,

Flieg' ich die Stufen hinab, entschlüpfe den Pfor-

ten, und schreite

Selig hinaus in den seligen Tag; die Kühle des

Morgens

Wehet schauernd mich an, wie Säusel der nahen

Gottheit!

Sinnend wandl' ich nun auf und ab auf duften-

dem Rasen,

In der Kastanien fächerndem Schirm, erfrische die

Glieder

Mit der Kühle des Quells und mit der Kühlung des

Morgens,

Mustre die Blumen, die hinter den grünen Staketen

am Fenster

Etwa die thauende Nacht erschloss, und die freund-

liche Frühe,

Breche die blühendste mir, die blätterreichste der

Rosen,

Höre der Melkerin Morgengesang, des tränkenden

Jungen

Frohes Gejauchz', und bedenke die Pflichten des

eigenen Tagwerks.

Itzund träget der Diener der gabenreichen Le-

vante

Balsamhauchendes Öl hinan die Stufen. Nicht un-

gern

Folg' ich dem Knaben. Und während noch säuselt

die freundliche Frühe,

Während noch schlummern das liebende Weib und

die lärmenden Kleinen,

Tauch' ich hinunter in seliger Muss' in die Wonne

des Denkens,

Steige hinab in die Tiefen des Ich, in den Schacht

des Bewusstseyns,

Lüpfe den Schleyer des Denkens und lausch' am

Vorhang des Wollens;

Suche das ewig entschlüpfende Band, das mit dem

Gedanken

Das Gedachte verknüpft und mit dem Grunde die

Wirkung;

Grübl' über Raum und Zeit, und über das Seyn und

das Nichtseyn,

Über die Form und den Stoff, und über das Ich

und das Nicht-Ich;

Über den Trieb und die Pflicht, und über das Thun

und das Leiden;

Über den schwerzuschlichtenden Zwist der Natur

und der Satzung,

Über den ewigen Kreisgang, und den unendlichen

Fortschritt;

Über das eiserne Fatum, und den anarchischen Zu-

fall;

Über des Weisen tröstende Ahnung, den Glauben

der Guten

An moralische Ordnung und weise Güte des Welt-

plans —

Über diess alles versteigt sich der Grübler in schau-

dernde Tiefen,

Thürmet Soriten, und spaltet Begriffe, und wäget

den Ausdruck,

Bis es ihm schwindelt. Der Faden entschlüpft, die

Fackel erlischt ihm.

Undurchdringliche Nacht und ausganglose Verwir-

rung

Starren um den Tappenden her. Es retten ihn kaum

noch

Des Gemeinsinns leitender Strahl und der Rufer

im Busen.