Elegie . An Minona .

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Warum bist du so ernst? und warum thauet die

Thräne

Deine glühende Wang', edeles Mädchen,

herab?

Warum hüllet dich Dunkel, und warum wölket

dich Trübsinn,

Da der Morgen dich weckt, welcher ins

Daseyn dich rief? —

Wallen etwa die Schatten der abgeschiedenen Stun-

den

Deine Seele vorbey? Siehst du die flüch-

tige Schaar

Deiner Monden und Jahre sich stürzen in drängen-

den Wogen,

In der Vergangenheit alles verschlingendes

Meer?

Rufst du die Freuden zurück, die dir im Schoosse

der Vorzeit

Blühten? Winkst du dem Gram, welcher

dich trübte, zurück?

Lass sie ruhen! Sie sind verschwunden, wie nich-

tige Schatten.

Lass ihn schlummern! Er schläft in der

Vergessenheit Nacht.

Freue dich deiner Jugend. Noch gürtet ihr rosiger

Gürtel

Deine Hüfte; dein Haar ringelt die Freund-

liche noch.

Freue dich deines Seyns; denn süss ist Seyn, und

erfreulich

Ist es zu athmen. Und schön lächelst du,

seliges Licht.

Perlen streuet die Sonn' im Aufgang, Perlen im

Abend.

Freundlich leuchtet der Mond über die

schlummernde Welt.

Lüstern lächelt die Erd' am Bräutigamsbusen des

Frühlings.

Leise pflücket der Herbst ihre Verwelkun-

gen weg.

Feyerlich ruht sie im Leichengewande des blenden-

den Schneees,

Bis sie verjüngt und verschönt wieder den

Gräbern entblüht.

Ja, es ist süss zu athmen auf Gottes herrlich be-

gabter

Schöner Erd'. Es ist Wonne, zu wandeln

auf ihr.

Wonne ist es, zu schaun des Frühlings funkelnden

Brautschmuck,

Wonne zu schauen den Wald glimmen im

silbernen Reif.

Hohe Wonn' ists zu schaun des Menschen göttliches

Antlitz,

Glühend von tiefem Gefühl, feuernd von

Thatenbegier.

Höhere Wonn' ists, Herzen erobern, am Busen der

Freundschaft

Hoch aufathmen, im Arm liebender Lieb-

linge ruhn.

Aber die höchste der hohen, der seligen Wonnen

ist Wohlthun,

Übung der eigenen Kraft, Leistung der hei-

ligen Pflicht.

Diese Wonne sey dein! In dieser Wonnen Um-

schlingung

Möge dein Leben so hell, meine Geliebte,

verwehn,

Mög' es vergleiten, wie Mondenschimmer auf spie-

gelndem Meere,

Mög' es verschweben, wie Hauch über den

Saiten verschwebt!

Mädchen, noch trittst du einher im Strahlengewande

der Schönheit,

Leicht, wie ein athmender West, blühend,

wie Blüthe des May's.

Deine Wange beschämt Aurorens glühende Wan-

ge;

Deines Busens Schnee blendet den blenden-

den Schaum,

Welcher den Fluthen entrollt. Der Locken däm-

mernde Nebel

Wallen ringelnd und voll rings um den wöl-

benden Hals.

Flamme des Himmels beseelt dein schimmerrollendes

Auge.

Lautenlispel entquillt deinem Gespräch und

Gesang.

Aber, wie bald, Geliebte, wie bald zerflattert der

Schönheit

Seifenblase! wie bald sinket der nichtige

Schaum!

Jene Rosen sind welk und jene Lilienblüthen

Störte der Sturmwind herab; jenes gerin-

gelte Haar

Säuselt in weissen Locken um deine gesunkene

Schläfe;

Jener Schimmer erlischt; jenes Gelispel

erstummt.

Wanderer kommen und fragen: „Wo ist die Blume

der Schönheit,

„welche mit Blüthen und Duft schmückte

das funkelnde Feld?“

Wandrer, sie ist nicht mehr; sie schläft den eiser-

nen Schlummer.

Ihren schlanken Halm knickten die Stürme;

der Duft

Ihres Kelches zerfloss in die Lüfte des Himmels;

die Blätter

Flattern am Boden verstreut, treiben im

Sturmwind umher.

Also ist das Loos der Erdenschöne gefal-

len.

„blüh' und welk' und stirb!“ sprach das

Verhängniss zum Staub.

Trauerst du darum, Geliebte? Nein, traure nicht,

meine Minona!

Sprossen, blühen, verblühn möge die Schöne

des Staubs.

Eine Schöne giebt es, die nimmer verwelkt noch

verduftet.

Eine Jugend, die nie kränkelt, noch altert,

noch stirbt.

Wohlgeübte Kraft giebt unverwelkliche Jugend;

Ihren Aufwand ersetzt jeder erwachende

Tag.

Reine Herzensgüte giebt ewiggrünende Schönheit,

Schönheit vor Menschen und Welt, Schön-

heit vor Engeln und Gott.

Solche Schöne sey dein! Mit solcher Jugend ge-

gürtet,

Siehe mit Ruhe der Zeit rastlosen Flügel-

schwung zu.

Lass die Monde verrinnen, und lass die Jahre ver-

rollen!

Lass sie mit donnerndem Sturz in der Ver-

gessenheit Meer

Niederstrudeln. Die Wirbel des Strudels ergreifen

nur Asche.

Über der stäubenden Fluth schimmert der

ewige Geist.

Lass die Rosen verblühn, und lass die Lilien

welken!

Lass den schimmernden Stern sinken in ewige

Nacht!

Lass die Säulen des Tempels zertrümmern! Die

ewige Seele

Bleibet schön, wie sie war, war sie nur

weise und gut.

O, sey weis' und gut! Wie könnt' ich dich seg-

nender segnen,

Meine Minona, und wie könnt' ich wohl

edleren Wunsch,

Edlern und brüderlichern in dieses Tages Er-

wachen

Dir zuflistern, als

weise, sey gut!

Weisheit lohnet mit Ruh, umsäuselt mit ewigem

Frieden,

Lächelt, wenn Thorheit verzagt, jubelt,

wenn trümmert das All.

Güte adelt den Menschen zum Engel, verähnlicht

der Gottheit,

Säet auf Hoffnung im Staub', erntet unend-

liche Saat.