Elegie.
Neunmal blühten die Rosen, seit wir uns fanden,
Geliebte.
Nimmer vergess ich des Tags, wo ich, Gelieb-
Immer noch seh' ich dich, Holde, in deiner knospen-
Immer noch schwebst du vor mir leisen zephi-
Immer noch strömt dir das ringelnde Haar um die
blendenden Schultern.
Immer noch hebt sich die Brust unter dem ro-
Immer noch seh ich dein heiliges liebverheissendes
Auge,
Sehe noch immer den Blick, welcher mich fass-
Und so ergreifend zugleich. Ich versank in däm-
Dieser, so sprach ich, fürwahr, sind die Un-
Wahrlich, es haben die Musen an ihrer Wiege ge-
An der ambrosischen Brust hat sie die Schön-
Jegliche Grazie wiegt' auf weichem Schoosse das
Mägdlein.
Jeglicher höhere Reiz schmücket die Jungfrau
dereinst.
Also gedacht ich, und öde nicht mehr, nein selig
und preislich
Däuchte die Flur mir, die dich, edele Blume, gebar.
Neunmal blühten die Rosen, seit wir uns fanden,
Geliebte.
Prüfend berührte der Blick, liebend umschlang
dich der Sinn.
Auch in der Fern' umschwebte den Träumer die
holde Erscheinung.
Traulich umschmeichelte mich, Süsse, dein lieb-
Fast zu sorglos gewährt' ich zu glimmen dem heim-
Achtend gering die Gefahr nährt' ich den freund-
Glimmender Funke du wuchsest zu nimmererlöschen-
Nimmerermattender Zug wurde der freundliche
Hang . . .
Wer hat edel geliebt? Wer hat mit Andacht und
Inbrunst
Angebetet? um Gunst nimmer und Gabe ge-
Wer hat jeglicher Habsucht Feind, nach Besitz
nicht gerungen?
Nimmer geworben um Lohn? nimmer gegeizt
nach Genuss?
Wer hat reinen Sinns das Göttliche nimmer ent-
Auch mit geheimerem Wunsch nimmer das Heil'-
Eines Blickes froh, begeistert von Einer Umar-
Höhen erflogen, die sonst nimmer der Fittig
erprobt.
Hochverehrte, du weisst es. Ich habe mit reinem
Gemüthe
Rein dich umfangen, um Gunst nimmer noch
Gabe gefleht.
Habe mich anschaunsselig an deiner Schönheit ge-
In dem belebenden Strahl mich aus der Ferne
gesonnt.
Habe Jahre gedient um Einen Moment des Entzük-
Habe den süssen Moment wieder mit Jahren
bezahlt;
Habe von deinem Kuss entflammt, von deinem Um-
Höhen erflogen, wohin nimmer der Geist sich
gewagt.
Wären uns anders die Loose gefallen — ach lass
es mich denken,
Welches zu denken gleichwohl schaudern und
schwindeln mich macht —
Wären die Loos' uns anders, uns schöner gefallen,
Geliebte,
Wäre, mit deinem gepaart meines der Urne ent-
Nicht zum Beglücktesten nur, nein auch zum Er-
Hätte der freundliche Wurf deinen Gefährten
erhöht.
Feuernd von deinem Kuss, von deiner Umarmung
begeistert,
Hätt' ich mit göttlichem Thun jeden der Tage
bekränzt.
Dir an die duftende Brust geschmiegt, dich innig
umflechtend,
Wär' im edenischen Traum selig verschwunden
die Nacht;
Jeden erwachenden Tag wär' ich verjüngt und ver-
Deiner Umarmung enttaucht, göttliche Thaten
zu thun — —
Frecher Traum, zerflattre! verweh' unheiliges Wähnen!
Irdischen Wesen geziemt Wonne der Himmli-
Anders sprangen die Loos' aus der schicksalentschei-
Zu den Schatten hinab führt uns gesondert der
Gott.
Dennoch gelinge dem Schicksal es nie, die Gemü-
Dennoch entfremde der Stoff nimmer dem Gei-
Dennoch liebe mich, Edle, mit zarter ätherischer
Liebe.
Wende nicht spröderen Sinns von dem Getreuen
dich weg.
Siehest du lechzend ihn stehn in seiner bescheide-
Siehst in die Fern' ihn gedrängt von der Be-
O so reiss auf Momente dich los aus dem flattern-
Reiche ihm tröstend die Hand, lächle erbar-
Dass nicht gänzlich in ihm der Liebe Ahnung erlösche,
Dass nicht schauernder Frost lähme den stre-
Dass sein Leben verglüh' im Rosenschimmer der
Liebe,
Und in Elysium einst liebend die Schatten ihm
nahn.
Neunmal blühten die Rosen, seit wir uns fanden,
Geliebte;
Werden hienieden noch oft, Traute, die Rosen
mir blühn?
Solches ruhet im Schoosse der Götter; dies Eine
nur weiss ich,
Auch zu den Schatten hinab nehm ich die Lie-
Und wenn jenseit der Urne noch Liebe, die Selige,
lächelt,
Jenseit der Urne fürwahr lieb' ich noch inni-
Inniger noch und zarter, und nicht mit den Qualen
der Sehnsucht,
Nein mit dem ruhigen Sinn, welcher den Ma-
Erstes der Mädchen, der Lenz ist hin, der Sommer
verfärbt sich;
Blatt auf Blatt entsinkt schon dem erschöpfte-
Kommen einst werden die Söhne der Fremde, auf
Tura's Gefilden
Werden sie eilenden Tritts suchen den Sohn
des Gesangs.
Wo ist der Sohn des Gesangs? so werden die Su-
Wo ist
Tura's Aar ist gehemmt in seinem tönenden
Fluge;
Stumm ist Temorens Schwan, nimmer erschallet
sein Lied. —
Und es erseufzen die Söhne der Fremde: „So bist
du gefallen,
Trefflicher Sänger, erstummt ist dein melodi-
Ja ich weiss es, ich werde nicht fallen, wie Blätter
zur Herbstzeit.
Mit den Vortrefflichen wird einstens mein Na-
O des süssen Gedankens, zu leben im Lobe der
Nachwelt,
Theuer der Enkelinn noch, theuer dem Enkel
zu seyn.
O des tausendmal süssern, zu leben in deinem Ge-
O des Trostes, noch spat theuer dir, Theure, zu
seyn!
Ja ich weiss es, Geliebte — denn unter der Miene
des Leichtsinns
Trägst du ein fühlendes Herz; unter verhüllen-
Birgst du die ewige Wund' im tiefempfindenden
Busen,
Lächelst die Thränen hinweg, welche entquol-
Weinen wird Ebba fürwahr dereinst um ihren Ver-
Trauren wird sie noch lang' um den entflohenen
Freund,
Denken wirst du an ihn, Verlassne, wenn Abends
das Spatroth,
Denken an ihn, wenn der Mond Nachts in die
Fenstern dir weint —
Neunmal blühten die Rosen und bis dir die letzten
verblüht sind,
Wirst du betrauren den Freund, welcher dich
liebend entfloh.