Entdeckte Merkmahle der Gottheit im Meere.

By Barthold Heinrich Brockes

Indem ich jüngst, bey starkem Sturm, allein am Meeres-

Strande stand,

Betrachtet’ ich die rege Fläche. Ich sah die Brandungen

der Wellen

Aus ihren Tiefen sich erhöhn, sich bäumen, wallen, brausen,

schwellen,

Mit einem knirschenden Geräusch, ja recht, mit einem heisern

Bellen,

Das Ufer zu verschlingen drohn, und auf den widersteh’nden

Strand

Beschäumt von oben abwerts stürzen, bald aber wieder

rückwerts fliehn,

Und, von der Tief’ als eingeschlurft, oft selbst die Steine

mit sich ziehn,

Den plötzlich überschwemmten Sand entblößt, verödet,

schnell verlassen,

Bald aber, wie sie ihn aufs neu bedeckten, überstürzten,

frassen.

Es schwamm, mit diesen regen Bergen, mein oft mit-

weggerißner Blick,

Vom Ufer ab und in die Tiefe, bald plötzlich wiederum

zurück.

Nachdem ich nun auf diesen Ufern, der wilden Fluht ver-

haßten Banden,

Mit ganz vom Sturm zerzaustem Haar, besprützet, lange

still gestanden,

Und das entsetzliche Gewühl der aufgebrachten Wasser-

Welt,

(die flüchtgen Berge steiler Wellen, der weiß-beschäumten

Wogen Wanken,)

Mir, durch das schwindlende Gesicht; den gleichfalls schwin-

delnden Gedanken

Hingegen, die verborgne Tiefen, und dunkle Schlünde

vorgestellt:

Entsetzte sich mein ganzes Wesen, des weiten Meeres Fläch’

und Schooß

War, meinem überwognen Sinn, zu weit, zu fürchterlich,

zu groß.

Doch da die ungeheure Last der Wasser meine Seele beugte,

Erhöhete sie mich zugleich, indem sie mir den wahren Grund,

Den ew’gen Urquell aller Fluhten, den Born, woraus das

Meer entstund,

Der es im Schlauch gefaßt, regiert und lenkt, die wahre

Gottheit zeigte,

Wobey doch mein erstaunter Geist nichts, als nur dieses,

seufzen kunt':

Ew’ger Urstand aller Dinge! HErr! vor welchem

alle Meere

Wie ein Tropfen in dem Eimer, Dir allein sey Preis

und Ehre!