Episteln .

By Justinus Kerner

Liebes Mädchen! sahst du nicht wie gestern

Ich auf hohem Berge lang gelegen,

Blickend auf das weiße Kreutz im Thale,

Das die Flügel deines Fensters bilden?

Glaubt' ich schon, du kämst durch's Thal gewandelt,

Sprang ich auf, da war's ein weißes Blümlein,

Das sich täuschend mir vor's Auge stellte.

Lange harrt' ich, aber endlich breiten

Auseinander sich des Fensters Flügel,

Und an seinem weißen Kreutze stehst du,

Berg und Thal ein stiller Friedensengel.

Vöglein ziehen nah' an dir vorüber,

Täublein sitzen auf dem nahen Dache,

Kommt der Mond, und kommen alle Sterne,

Blicken all' dir keck in's blaue Auge.

Steh' ich einsam, einsam in der Ferne,

Habe keine Flügel hinzufliegen,

Habe keine Strahlen hinzusenden,

Steh' ich einsam, einsam in der Ferne!

Gehst du, sprech' ich mit verhaltnen Thränen:

Ruhet süß, ihr lieben, lieben Augen!

Ruhet süß, ihr weißen, weißen Lilgen!

Ruhet süß, ihr lieben, lieben Hände!

Sprachen's nach die Sterne an dem Himmel,

Sprachen's nach die Blumen in dem Thale.

Weh! o weh! du hast es nicht vernommen!

Sage mir mein liebes Mädchen:

Was bedeudet dieser Traum?

Steht vor'm Fenster meiner Zelle

Halbverblüht ein Rosmarin.

Träumte mir: es sey aus ihm heut

Schnell ein Rosenstock gesprossen,

Voll der düftereichsten Rosen,

Hätt' sich auch ein Lorbeer grünend

Um den Rosenstock gewunden.

„rosmarin ist Wehmuth, Trennung,

Rosen deuten Lieb' und Freude,

Lorbeer deutet Ruhm und Sieg.“

Darum fülle, blaues Auge!

Dich fortan nicht mehr mit Thränen,

Lass' allein mein dunkles Auge

Still umwölkt in Thränen steh'n.

Darum blicke, blaues Auge!

Nimmer trübe an den Himmel,

Sieh! sonst blickt er wieder trüb.

Und wohin kann ich noch schauen,

Als gen Himmel, wenn ich nimmer

In dein Auge schauen kann?

Blick aus deinem Fenster, Liebe!

Schaue über die blauen Berge:

Denn dort will ich an den Himmel

Dir ein licht' Gemälde malen.

Steigen aus der Näh' und Ferne

Hohe Berge an den Himmel,

Stürzen helle, kühle Quellen

In ein blumigt, grünes Thal.

Stüzt der Wanderer im Thale

Auf den Stab sich, einzuathmen

Jugend, Freiheit, Liebe, Kraft.

Steht gelehnt an einen Felsen,

Unter Laub und Rebenblüthe

Dort ein kleines Haus verborgen,

Steh' ich vor dem kleinen Haus.

Kommt vom Bache, Kräuter tragend,

Dort ein liebes, junges Wesen,

Bist du es — die Meine längst.

Ist kein Lauscher mehr zu fürchten,

Drück' ich dich, du süßes Wesen!

An ein treues Herz voll Liebe,

Offen vor des Himmels Aug'.

Aber weh! o wehe Mädchen!

Siehst du dort nicht jenen Raben?

Aechzend fliegt er durch den Himmel,

Und verlöscht mit schwarzem Fittig

Mein Gemälde, weh! o weh!

Bin ich wie ein Kind, das seine Mutter

Erst verloren, weinend in der Nacht steht:

Sieh! so bin ich seit ich fern gezogen.

Stund im Traum' ich heut' auf unsrem Berge,

Blick' ich in das tiefe Thal hernieder.

Such' dein Haus ich, aber find' es nimmer.

Seh' ich eine einsame Kapelle

Auf der Stelle, wo's gestanden, stehen,

Tret' ich in die heilige Kapelle.

Hallet lange jeder meiner Tritte

Im verlassenen Gewölbe wieder;

Blicken ernst und fragend mich die heil'gen

Bilder an von den geweihten Wänden.

Tret' ich vor den Hochaltar, zu beten.

Knieest du in einem weißen Kleide

Bleich auf schwarzem Teppich vor'm Altare,

Lilien und Tulpen um dich her.

Steht der Rosenstock zu deinen Füßen,

Blüthenreich vom Lorbeer schön umwunden,

Kehr' ich nie aus der Kapelle wieder.

Nicht im Thale der süßen Heimat,

Beym Gemurmel der Silberquelle —

Bleich getragen aus dem Schlachtfeld

Denk' ich dein, du süßes Leben!

All' die Freunde sind gefallen,

Sollt' ich weilen hier der eine?

Nein! schon naht der bleiche Bote,

Der mich leitet zur süßen Heimat.

Flecht' in's Haar den Kranz der Hochzeit,

Halt bereit die Brautgewande

Und die wollen, duft'gen Schaalen:

Denn wir kehren alle wieder

In das Thal der süßen Heimath.

Komm', Bräut'gam! kommt, ihr Gäste!

Schon steht im Hochzeitkleid

Die bleiche Braut bereit,

Erwartend euch zum Feste.

Herbey! herbey! zum Tanz

Die bleiche Braut zu führen, —

Seht! ihre Haare zieren

So Ros' als Lilienkranz.

So Mond und Sterne kränzen

Lichtvoll das dunkle Thal,

Lampen im Hochzeitsaal,

Die Leichensteine glänzen.

Und weil nach Tanz und Lauf

Der Ruh wir nöthig hätten, —

Schloß ich zu Schlummerstätten

Die stillen Gräber auf.

Seht! eure Betzte kränzet

Der Rosen stolze Art,

Doch eine Lilie zart

Am Bett' der Braut erglänzet.

Die Hochzeit ist bereit,

Komm', Bräut'gam! kommt, ihr Gäste

Es öffnen sich zum Feste

Die schwarzen Thore weit!