Er gedänckt seiner Lieben und daß sie ihme alle gestorben sind

By Arno Holz

Written 1883-01-01 - 1883-01-01

Vergänglichkeit! In deinen irren Garten

verlihrt sich ümmer tieffer mir mein Fuhß

lengst starb des lezzten Fehder-Singers Gruhß

der Eppich traumt auß duncklen Mauer-Scharten.

Das sonst so zahrte Graß

hängkt schwehr und Tropffen-naß

grün-fahle Creutze mohdern weit und breit –

Vergänglichkeit!

Vergänglichkeit! Wölbt sich im Lentz die Linde

noch ümmer über meines Vatters Tach?

Durch Schaum-Kraut klukkerte der kleine Bach

ich schnizzte Schiffgens mir auß Knüppel-Rinde.

Do schry mir rächt ins Hertz

der Gukguk seine Tertz.

Ich horchte zu; das war die Göldne Zeit –

Vergänglichkeit!

Vergänglichkeit! Wo blieb die süsse Stunde

do ich mit Fillis unter Bluhmen saß?

do ich zuerst der ersten Lust genaß?

Ich hingk verzukkt an ihrem rohten Munde!

Ihr Hahr gantz auff-gerollt

war wie auß Serafs-Gold

weiß wie auß Lämmer-Wölckgen war ihr Kleid –

Vergänglichkeit!

Vergänglichkeit! Wie kreisste froh der Becher

in drauter Brüder Wein-ümblaubtem Rund?

Do schien das Leben mir noch Eins so bundt

Printz Bachus hieß der ädle Sorgen-Brecher!

Hier Schellendaus! Ma vie!

Kriescht alle Gikkrikri!

Wer weiß schon morgen ligen wir gemeyt –

Vergänglichkeit!

Vergänglichkeit! Ich sehe noch das Stübgen

die Lampe brännt ans Fenster stürmt der Nord

du spihlst mir für auff unsrem Clavichord

im Traum noch lallt und lächelt unser Bübgen.

Itzt lehnstu dich zurükk

so sah mich an das Glükk!

Im Ofen knallte lustig Scheit ümb Scheit –

Vergänglichkeit!

Vergänglichkeit! Ein Grauen sonder Gleichen

durchgrieselt mich; so war ich nie allein.

Die Welt ist nichts alß Schatten-Werck und Schein

der Grund drauffdäm ich dantzte gährt von Leichen!

Sie ligen hin-gesträkkt

kaum daß der Sand sie däkkt

ihr Abseyn sälber predigt stumm mein Leid –

Vergänglichkeit!

Vergänglichkeit! Du scheussliches Gerippe

für dem noch jeder schaudrend sich entsezzt

du hast mir alle Mitleids-lohß gemezzt

von ihrem Mord-Bluht dräuffelt deine Hippe.

Nun schafft mir nur noch Grauß

mein Leib dihß Erden-Hauß.

Häu zu! Zermattsch auch mich ich bün bereit –

Vergänglichkeit!