Er ligt alt und kranck und kombt sich für geschlagner denn Hiob!
By Arno Holz
Written 1883-01-01 - 1883-01-01
Nun bün ich fast schon siebtzig Jahr
das Leben hat mich wie zerschmissen;
bald weiß kein Mäntsch mehr wer ich war
kaum drohstet nachts mich noch mein Kissen.
Der Welt ihr Seiffen-Ball zersprang
mein Lauten-Spihl ward Harffen-Klang!
Ich bün auß Staub und muß vergehn
kein Bisam-Büxgen wird mir nizzen.
Was soll mir Rom noch und Athen?
Von Fern her seh ich Salem blizzen!
Nur Eins wird noch von mir gepreisst:
Die grosse Kunst die Stärben heisst!
Mein Leib dihß für so fäste Hauß
ligt spakk darnihder fast zerbrochen
die Ahdern trukkneten ihm auß
ich hänge kaum noch in den Knochen.
Mich krümmt der Grieß mich narbt die Gicht
erbärmlich bün ich zugericht!
Allnächtlich dappt er sich schon für
der alte außgefeimte Rakker.
Bald knaxt die Diehle bald die Dhür
der Wind heult hohl vom Stoppel-Akker.
Itzt bocht es an und will herein –
mir grähst ins innerste Gebein!
Was würde strakks mit mir geschehn
wann meine Augen itzt verrönnen?
Der allerweiseste Galen
hat nichts darvon verrahten können.
Da hülfft kein Jammer kein Geschrey
mein Hertz ist gantz darvon entzwey!
Eins ist mir sicher und gewiß:
acht Bretter werden mich ümbhägen
Egyptens schwartze Fünsterniß
wird wie auß Sonne seyn dargägen!
Mein Fleisch das lüderlich geprasst
fäult dan alß Wurm- und Schlangen-Mast!
Zwar das geehrte Testament
verheisst uns dröhstlich die Posaune:
uns wekkt wenn alles sich gewendt
die gleichsahm himmlische Karthaune.
Sey sein Gebein auch lengst zerstäubt
der wird erhöht wer dran gegläubt!
Doch sälbst gesezzt daß dihß geschicht
ich war ein arger Satans-Brahten
vihlleicht so hält sich das Gericht
an meine nichts wie Frefel-Dhaten.
Die Zunge kläbt mir und verdorrt
dan schlukkt mich ein der Schwefel-Port!
Ein Rabe draussen krokkt crass crass
wer weiß ob ich ihn rächt verstehe?
Ob ich dihß volle Stunden-Glaß
noch ein-mahl abgeloffen sehe?
Ob sich das blancke Morgen-Licht
noch ein-mahl ümb mein Lager flicht!
O HERR wie drükkt auff mir Dein Joch!
Nein nein ich will nicht läppisch flennen!
Nur ein-mahl ein-mahl ein-mahl noch
laß mir Dein lihbes Früh-Roht brennen!
Der Himmel schnarcht die Hölle wacht
verlisch mir nicht du Glaubens-Dacht!