Er schüttelt sein Hertz auß
By Arno Holz
Written 1883-01-01 - 1883-01-01
Das Feld steht Kräutter-leer
Frau Flora lacht nicht mehr
der Wald hat allbereit
sein bundtes Stärbe-Kleid
ein schönes Schau-Gerüst
das bald Verwehsung küsst.
Wo blihb die Amstel hin
das Singe-Vögelgin?
Der Fröschgen ihr Coax
beschehmbt nicht mehr Hannß Sachs.
Drümb sey es endlich hihr geklagt
waß mir das Hertz benagt!
Unsre Gaben süsses Kind
flüchtig wie Narzissen sind
und es fährt mit uns die Zeit
strakks in die Vergässenheit.
Einst so welckt mir dihse Haut
trukkner alß ein Sommer-Kraut
einst so zwikkt mir dihß Gebein
Bodagra und Zipperlein.
Hengen laß ich dan mein Maul
wie ein alter Karren-Gaul
stakkrich sezz ich Fuhß for Fuhß
wie ein steiffer Tapp-ins-Muhß.
Nachts wenn mich die Flöhe jükken
krault mir keine mehr den Rükken
denn for sowaß lihbes Kind
bün ich dan zu keusch gesinnt.
Amors Zokker-süsser Poltzen
ist mir dan durchauß zerschmoltzen
und ich seufftz die gantze Zeit
in betrühbter Einsamkeit!
Alles blüht und muß vergehn
dir wird Gleiches mahl geschehn!
Die weissen Kugeln so sich itz
so süß und anmuhtsvoll bewegen
wird einst ein ungeheurer Plitz
in nichts wie Staub und Asche legen.
Dan wird dich niemand mehr betasten
dan lihgt dein Leib im schwartzen Kasten
dan triefft dan stinckt nach Talg
dein runtzlig fauler Balg.
Dein Mund so süß benelckt
klafft jämmerlich verwelckt
von Rohsen nicht die Spur
zwo trukkne Schruntzeln nur
zermürbelt und zerbrochen
von Kröten überkrochen!
Laß die mit den weissen Bäffgen
sie seynd Aeffgen!
Laß sie pappeln laß sie plarren
sie seynd Narren!
Ob Jüde Heyde oder Christ
er wird zu Mist!
Morgen lengst ist alles auß
Mäntsch du bist nur eine Lauß
morgen oder gar schon heut
dröhnt vom Thurm dein Grab-Geläut!
Eins nur ist uns dan gewiß:
schwartz-polihrte Fünsterniß!
Laß uns alles drümb vergessen
Rohsen pflantzen ümb Zypressen
die dein Auge wenn es strahlt
gleichsahm wie mit Goldt bemahlt!
Deinen weichen Alabaster
trukk ihn auff mich rächt alß Pflaster
Mund an Mund und Brust an Brust
in verschwihgner Götter-Lust
biß ihr Pärlen-Safft dich Kind
gantz durchrinnt!
Ob sie Jungffern oder Huren
alle in die Grube fuhren
nichts mehr war ihr Schön-Seyn nüzze
in der schwartzen Lethe-Pfüzze!
Selbst Helena mit göldnen Hahren
ist Stanck und Gifft seit dausend Jahren!
Drümb so künt es fast geschehn
daß die Augen mir voll Wasser stehn!
Waß ist die Welt und ihr berühmbtes Gläntzen?
Ein Blizz bey Nacht.
Eh welcke Rohsen eure Scheitel kräntzen
singt drinckt und lacht!
Heut sind wir noch jung und roht
morgen hat uns schon der Dodt
morgen sind wir Asche!