Er singt ihr ein Morgen-Ständgen

By Arno Holz

Written 1883-01-01 - 1883-01-01

Vorüber ist die schwartze Nacht

die bundte Flora wihder lacht

der Döbber lokkt sein Weibgen;

schon schafft sich mancher Schmetterling

an manchem süssen Bluhmen-Ding

ein loses Zeit-verdreibgen.

Cupido badet auch schon wach

im silbernen Forellen-Bach

sein Kugel-rundes Leibgen.

Von zahrtem Kummer hold geblagt

hab ich gewartet biß es dagt

zu dir bün ich geschlichen;

ümbsonst so such ich wehrtes Kind

bey dihsem frühen Morgen-Wind

nach Rohsen die dir glichen.

Aurora die den Tau gesprängkt

der noch an allen Püschen hängkt

ist lengst im Ost verblichen.

Du warst die gantze letzte Zeit

voll ohngemeiner Härtigkeit

trutz deiner siebzehn Jährgen.

Noch niemahls hieltestu mir Stich

drey Dage fast schon qwähl ich mich

waß wären wir for Pärgen!

Ich gläub der Lemmel der Markolff

der nechst dir übern Zaun verholff

der draut mir nicht ein Härgen! –

Verschlossen schweigt dein Kabinett

drin ligstu still-vergnügt im Bett

derweil ich mich hihr harme.

Ach künt ich doch itzt mit dir sehn

der beyden Hügel stultzes Blehn

darzu die blancken Arme!

Es ist fast würklich hihr noch kalt

drümb offne mir den Fenster-Spalt

darmit ich mich erwarme!