Er spricht noch auß dem Grabe

By Arno Holz

Written 1883-01-01 - 1883-01-01

Ich war itzt ligt das weit

der Flaccus meiner Zeit.

Ich war ein Mäntsch wie du

itzt däkkt der Sand mich zu.

Keine Blühmckens blau und blaß

blühn mir mehr ümb den Parnass

nie mehr spihgelt mir ein Born

Frau Lunens sanfftes Silber-Horn

nie mehr glüzzert durch den Himmel

mir das schöne Stern-Gewimmel!

Aurorens Scharlach-Glantz

der Kindgens Drippel-Dantz

die gold-bestirnte Wihsen

auff die die Schäffer blihsen

Amandgens Rohsen-Kuß

die Welt in floribus –

daß ist nun alles hin

weil ich erkaltet bin!

Du lebst und dir ist wohl

dir pfeifft noch der Pirol.

Dir ferbt die bundte Au

noch Ambrosiner-Thau.

Du sizzst dich auff den grünen Rahsen

und hörst den sanfften Zefir blahsen

derweil so summbt den Feld-Rain lang

der Bihngens leiser Sommer-Sang!

Ach daß nicht jede Zeit

der Himmel Rohsen schneyt!

Daß alles waß entsteht

flinck wie ein Rauch zergeht!

Bald rändern schwartze Schatten

dir deine blancke Matten

drauff Titan froh bestrahlt

waß kein Parrhasius mahlt!

Bald ligstu alt und kranck

auff Mortas Folter-Banck

bald mustu dein zerstükktes Stammeln

in nichts alß Threnen-Krüge sammeln!

Die alte Odlers-Krafft

schwand dir dahin-gerafft

und war auch alles dein –

zurlezzt scharrt man dich ein!

Die Welt-gepreisste Wunder

wo sind sie nunitzunder?

Sälbst Salomo der Weise

ward schliesslich Schlangen-Speise!

Horch drümb waß mein Staub dir spricht:

So vihl Gold hat Ophir nicht

alß in ihrem Munde

die flüchtige Secunde.

O Adame o Eve

Vita somnium breve!