Er stellt sich den letzten Gerichts- und Doten-Dag für

By Arno Holz

Written 1883-01-01 - 1883-01-01

So schön war noch kein Tag:

Marieen-Würmgens fligen

itzt kan wer will und mag

in nichts wie Bluhmen ligen.

Der Himmel gläntzt gantz blau

vom Wald her blühn die Linden

Flora die süsse Frau

lässt sich fast nakkligt finden.

Kaum ümbflohrt von zahrten Bändern

siht man sie am Bach-Rand schländern

wo sie sich des offtern bükkt

und Vergißmeinnichtgens pflükkt.

Die Zeit lacht alles an.

Die glatten Fischgens jappen

Cupido der Tirann

kan kaum noch Othem schnappen.

Sein Köcher hängkt verruttscht

die Brunnen Silber sprizzen

ein Zikklein zulpt und zuttscht

an seiner Mutter Zizzen.

Zwischen weiß-bewollten Schaffen

sind gar Zweene eingeschlaffen

unter einem Mandel-Baum

äfft sie ein verfalschter Traum ...

Wächst dort ein Wölckgen groß?

Glüzzt nicht sein Rand metallen?

Ein Rukk ein Dampff ein Stoß

die Erde birst mit Knallen!

Rauch Qwalm und Schwefel-Stanck

füllt plotz die schwartzen Lüffte

der Hellen-Riegel sprangk

uhroffen stehn die Grüffte!

In ihr grässliches Erstaunen

blahsen schüttrend die Posaunen:

Holla auff zum Haltz-Gericht

wo der HERR sein Urthel spricht!

Für Grauen störtz ich hin:

Mulm Modder Wuhst und Särge!

Ich weiß nicht wo ich bin

das Hahr steht mir zu Berge!

Der Mohnd schwimmt wie auß Bluht

die Welt-Gewässer brausen

ob der erzörnten Fluht

siht man Komehten sausen!

Aller Enden aller Ekken

Rüppen Beiner Scheddel blekken

auffgeschrekkt von seinem Schmauß

ringelt sich ein Ottern-Grauß!

Der sucht nach seinem Schopff

dem fehlt noch blohß der Daumen

ein abgefleischter Kopff

käut Vipern mit den Gaumen.

Die dausend Jahre dodt

die gestern erst verblichen

sind wihder fast wie roht

nichts prangt schon ausgestrichen.

Dihser gläntzt gantz jung an Jahren

wie er einst dahin-gefahren

jener stinckt durch sein Gesäß

wie ein alter Zihgen-Käß!

Ihr dort im Marter-Pfuhl

die Schrifft hat nicht gelogen!

Auß Demant steht sein Stuhl

auff einem Regen-Bogen!

Ümb ihn wie Sand am Meer

die Frommen froh gemuhtet

noch stäkkt in ihm der Speer

die Dornen-Krohne bluhtet!

ER ümb den sich die Planeten

wie die Würbel-Winde drehten

Qwal-voll zukkt sein süsser Mund –

Judas du verfluchter Hund!

Die lezzte Trompte trompt

die Lufft durchstösst ihr Rufen:

„Kombt alle kombt kombt kombt

ruttscht-an die steile Stufen!

Nichts nizzt mehr kein Gekreisch

nichts hilfft kein Handzerwringen

da sämbtlich alles Fleisch

muß auß den Gräbern springen!

Keines Schultren keines Haxen

fäulen mehr mit Graß bewachsen

drümb so dröhnt mein Tuba-Thon

euer Richter wartet schon!

So schwärmbt kein Bihnen-Schwarm

und wan sich hundret mischten

wie itzt auff den Allarm

die frembde Völcker gischten.

Hihr gährt waß Indjen spieh

dort wimmeln Malabaren

die dort sah Potosi

wer kännt wer zählt die Schaaren?

Die in Griechenland verblassten

die in Rom und Susa prassten

alles drängt sich rund rümb lang

ümb die große Rechen-Banck!

O Forcht du nichts wie Forcht

du rächendes Gewissen

wer nie nach dir gehorcht

itzt ächtzt er hin-geschmissen!

Er weiß: der Alles wigt

wigt auch das kleinste Qwintgen!

Von seiner Wage fligt

kein Splittergen kein Splintgen!

Rächts-her wehn Violdigammen

lincks-her bläueln schon die Flammen

alles schlattert jedes fühlt

wie in ihm der Angst-Wurm wühlt!

He faule Fillis auff!

Entzeuch dich deinem Bette!

Dort stell dich in den Hauff

zu Doris und Babette!

Däkk deine Brüste blohß!

Zeig deine Kugel-Waden!

In die Zinober-Schooß

versuchs doch ihn zu laden!

Durch kein listiges Versprechen

wirstu Luder ihn bestechen!

Dihsem klingt nicht mehr amön

dein verbuhltes Lust-Gestöhn!

Stax du versoffnes Loch

dein Seiger hat geschlagen!

Stopffstu im Wein-Hauß noch

dir deinen Schwartenmagen?

Narrant und Selimor

Cornutus und Musander

das gantze freche Corps

kläbt fäst noch bey-einander!

Sylvius sucht durch lautes Fluchen

ihr Gebrüll zu überjuchen

biß ihn jach der Teuffel pakkt

rittsch und ihm das Rükk-Grad knakkt!

Auff Knyen lihg ich do.

Ich Wurm ich arme Made!

Mir ist so durchauß froh

schon rührt mich nichts alß Gnade!

Wordrauff ich fäst verträut

die gantze bittre Jahre:

mein Geist hat sich verneut

mein Leib drukkt keine Bahre!

Eines Stimme hör ich sprechen

daß mir fast die Sinne brechen:

Komm und sizz auff dihsen Trohn

DAFNIS mein verlohrner Sohn!

O allzu großer Gott!

Nun ist mein Hertz genesen!

Nun spühr ich sonder Spott

Dein aller-tieffstes Wesen!

Waß vor mich so beschwehrt

Dein Grimm Dein Gifft Dein Wühten

im Huy hat sichs verkehrt

in lautter Rohsen-Blühten!

For mein Kämpffen for mein Ringen

darff ich Dir itzt Palmen schwingen

der ich bey den Säuen saß

und fast nichts wie Träber fraß!

Dein Groll auff mich zerschwand.

O Wunder aller Wunder!

Der Welt ihr eytler Tand

fiel von mir wie auß Zunder!

Mein Leib lacht leuchtend weiß

die süssen Serafinen

die Heiligen im Kreiß

bemühn sich mir zu dienen.

Eins mit Sokrates und Plato

lausch ich wie der saure Cato

qwer durch alle Ewigkeit

Gloria Gloria Gloria schreyt!