Erinnerung der Sterblichkeit.

By Heinrich Mühlpfort

Ich weiß daß Erd und Staub in meinem Leib verhüllt

Ich weiß auch daß mein Leib die Erde wiederfüllt

Denn was gebrechlich ist muß mit der Zeit zerfallen.

Ein Hauß kan nicht bestehn wenn Grund und Pfeiler

Wie soll der Glieder-Bau denn ewig können seyn

Da jeden Augenblick der Tod was reisset ein.

Wir werden nicht gewahr daß unsre Tage schwinden

Biß daß wir Schnee und Eiß auf Haar und Scheitel finden.

Die freche Jugend denckt der letzten Stunde nicht

Biß daß ihr scheinbar Glaß ein einzig Stoß zerbricht.

Nein jeder Tritt und Schritt der führt mich zu dem Grabe

An dem ich meine Lust und höchst’ Ergetzung habe.

Ich sehe da den Port nach so viel Sturm und Wind

Und weiß daß sich kein Blitz mehr über mich entzündt.

O Grab gewünschtes Hauß und süsse Ruhe-Kammer

Ach nimm mich nur zu dir verschleuß doch meinen Jammer

In deiner Höle Nacht O lieblichstes Gemach

O schönster Auffenthalt und Frieden-reiches Dach

Wie hertzlich sehn ich mich die abgematten Knochen

Den ausgezehrten Leib des bangen Hertzens Pochen

Und endlich Fleisch und Blut der Seelen altes Kleid

Dir liefern zum Geschenck und Pfand der Sterblichkeit.

Ein ander wird gantz blaß wenn er dich höret nennen

Ich aber muß fürwahr in heilger Andacht brennen

Wenn ich mein Wohnhauß seh in dem werde ruhn

Da mir die arge Welt vermag kein Leyd zu thun.

Gottlose Hertzen sehn nur deine Finsternüsse

Da ich des Lebens-Sonn in diesen Schatten grüsse

Die finster-schwartze Grufft weist mir der Klarheit Schein

Indem ich meinem GOtt recht ähnlich werde seyn.

Die dürren Todten-Bein und Schaalen von dem Hirne

Sind mir in meinem Aug’ ein funcklendes Gestirne.

Den tieffen Gruben die mit Schimmel sind behängt

Wird doch der Engel-Glantz für solchen Wust geschenckt.

Der morsche Rücken-Grad der spröden Rippen Prasseln

Der ungeheure Stanck zerbrochner Särcke Rasseln

Und was ein feiger Mensch für häßlich hält und schätzt

Hat mich so offt ich dran gedencke sehr ergetz’t.

Zumahl wenn sich die Seel’ ermuntert hochgestiegen

Und alles was die Welt groß achtet lassen ligen

Sich ihrem Himmel zu von dem sie kommt gelenckt

Verwundernd ausgelacht was sie zuvor gekränckt.

Die unablässig Angst in der ein Mensch muß schmachten

Die Feinde so uns stets zu Fall zu bringen trachten

Das Siechhauß vor den Leib an dem kein Glied sich regt

Das nicht zugleich den Tod in seinen Adern trägt.

Diß hat des Himmels Braut die Seele überschritten

Geneust so viel der Lust als viel sie Qual gelitten

Wird mit der Gnaden-Quell der Ewigkeit getränckt

Da ihr zuvor die Welt nur Myrrhen eingeschenckt.

Wie ein Gefangner zehlt die Tage die er sitzet

Den Kercker-Meister haßt der ihn mit Stahl umbschützet

Hergegen Stund auf Stund nach seiner Freyheit tracht;

So glaubet daß es auch die Seel nicht anders macht.

Sie möcht im Eiter-Wust des Leibes schier ersauffen

In diesem Marter-Hauß kommt alle Noth zu hauffen.

Die Bande sind zu schwehr mit denen sie bestrickt

Die Last ist übergroß die sie Verschloßne drückt.

Und soll sie drunter nicht in Wust und Koth verderben

So wünscht sie auffgelößt zu seyn durch zeitlich Sterben.