Erinnerung

By Eduard Mörike

Written 1822-01-01 - 1822-01-01

Jenes war zum letzten Male,

Daß ich mit dir ging, o Clärchen!

Ja, das war das letztemal,

Daß wir uns wie Kinder freuten.

Als wir eines Tages eilig

Durch die breiten, sonnenhellen,

Regnerischen Straßen, unter

Einem Schirm geborgen, liefen;

Beide heimlich eingeschlossen

Wie in einem Feenstübchen,

Endlich einmal Arm in Arme!

Wenig wagten wir zu reden,

Denn das Herz schlug zu gewaltig,

Beide merkten wir es schweigend,

Und ein jedes schob im stillen

Des Gesichtes glühnde Röte

Auf den Widerschein des Schirmes.

Ach, ein Engel warst du da!

Wie du auf den Boden immer

Blicktest, und die blonden Locken

Um den hellen Nacken fielen.

„Jetzt ist wohl ein Regenbogen

Hinter uns am Himmel“, sagt ich,

„Und die Wachtel dort im Fenster,

Deucht mir, schlägt noch eins so froh!“

Und im Weitergehen dacht ich

Unsrer ersten Jugendspiele,

Dachte an dein heimatliches

Dorf und seine tausend Freuden.

– „Weißt du auch noch“, frug ich dich,

„Nachbar Büttnermeisters Höfchen,

Wo die großen Kufen lagen,

Drin wir sonntags nach Mittag uns

Immer häuslich niederließen,

Plauderten, Geschichten lasen,

Während drüben in der Kirche

Kinderlehre war – (ich höre

Heute noch den Ton der Orgel

Durch die Stille ringsumher):

Sage, lesen wir nicht einmal

Wieder wie zu jenen Zeiten

– Just nicht in der Kufe, mein ich –

Den beliebten ‚Robinson‘?“

Und du lächeltest und bogest

Mit mir um die letzte Ecke.

Und ich bat dich um ein Röschen,

Das du an der Brust getragen,

Und mit scheuen Augen schnelle

Reichtest du mir's hin im Gehen:

Zitternd hob ich's an die Lippen,

Küßt es brünstig zwei- und dreimal;

Niemand konnte dessen spotten,

Keine Seele hat's gesehen,

Und du selber sahst es nicht.

An dem fremden Haus, wohin

Ich dich zu begleiten hatte,

Standen wir nun, weißt, ich drückte

Dir die Hand und –

Dieses war zum letzten Male,

Daß ich mit dir ging, o Clärchen!

Ja, das war das letztemal,

Daß wir uns wie Kinder freuten.