Ernte und Saat

By Louise Otto

Written 1856-01-01 - 1856-01-01

Gekommen ist die Erntezeit,

Schon wird das reife Korn gehauen,

Und garbenbindend steht bereit

Die Schar der Schnitter und der Frauen.

Sie haben alle ihren Teil

Am liederfrohen Erntefeste

Und rufen jubelnd: „Dank und Heil!

Der Himmel gab dazu das Beste.“

„Der Himmel segnete das Mühn',

Das ackernd, säend uns verbunden

Im Wettersturm, im Sonnenglühn –

Nun haben wir den Lohn gefunden!“

Schön war das frische Saatengrün,

Schön war das Feld im Aehrenwallen,

Die Wiese schön im Blumenblühn –

Doch nun sind Blüt und Halm gefallen. –

Der Baum, nur spärlich noch belaubt,

Wirft statt der Blüten Früchte nieder

Und schüttelt lächelnd noch das Haupt,

Singt man für ihn auch Erntelieder.

So ist es wohl ein Hochgefühl

Zu ernten selbst gesäte Saaten.

Der Arbeit Lohn, ein Kranz am Ziel,

Wenn, was man pflegte, wohlgeraten.

Auch manchen, die nicht selbst gesät,

Ist Erntesegen doch gekommen;

Sie haben dafür früh und spät

Ein heilig Erbteil übernommen.

Sie mögen nun mit voller Hand

Den Samen streun, den sie empfangen:

Des alten Werkes Segenspfand

Soll er zu neuer Frucht gelangen.

Und bleiben jetzt am Stoppelfeld

Wehmütig unsre Blicke hangen –

Bald wieder wird es neu bestellt

Im Grün der Wintersaaten prangen,

Scheint einmal alles still und tot,

Wächst selbst noch unterm Schnee verborgen

Die junge Saat zum neuen Brot

Kommt doch für sie ein Ostermorgen.

Drum frisch an's Werk und nicht verzagt!

Beim Ernten denkt an's Samenstreuen!

Denn wer da müßig steht und klagt

Kann keiner Ernte sich erfreuen!