Erstes Lied

By Karl Friedrich Kretschmann

Written 1773-01-01 - 1773-01-01

Ha!

Da liegen sie ja,

Die Legionen, erschlagen!

Erwürgt ihre Roße, die Wagen

Zertrümmert, Schwert und Pfeil

In Splittern, und die güldnen Adler

Unsrer Beute Theil!

Auf ewig Sieg und Freiheit dir;

Sieg, Freiheit, meinem Liede von dir

O Herman! Sieh, wie bleicht der Tod

Die schwarzbehaarten Feinde;

Ihr ungestümes Blut färbt die Gewäßer roth:

Heil Herman unserm Freunde,

Der, von Quirinus Purpur roth,

Ehrwürdig kömmt, wie Götter hernieder steigen;

Auch furchtbar; denn in grausen Schweigen

Feyert ihn der Tod.

Schmiedet, schmiedet sie ein,

Die wenigen Verzagten, die wir fingen!

Schleppt sie tiefer in Hain,

Den Elfen das Opfer zu bringen!

Oder löst Veledas Pfand:

Die weise Jungfrau war des Sieges Bürge.

Gebt sie, gebt sie ihrer Hand,

Daß sie sie würge;

Dann in diesen Strömen Bluts

Nach der Zukunft spähe,

Und im Opfer uns den Sieg,

Rom den Untergang ersehe:

Indeß mein Geist durch euern Jubel beginnt,

Gleich Opferflammen durch den Wind,

Sich höher, noch höher

Und höher zu schwingen;

Indeß die volle Harfe tönt!

Denn Herz und Mund soll ihn besingen,

Den Sieg, der, Herman dich, mit rothen Blumen krönt.

Würgt' ich, o Held, gesteh es mir,

Dort in der Schlacht nicht neben dir?

Sah deines Armes Streiche nicht,

Noch dein ferntödtend Angesicht?

Sowahr dort auch mein Schwert geblitzt,

So darf mein Schlachtgesang auch itzt

Sich an die hohen Thaten wagen;

Ihn soll der Adlerflug der Zeit

Durch horchende Jahre weit und breit

Umher auf brausendem Flügel,

Zum Enkel hier im stillen Thal,

Zum Enkel der sieben kriegerischen Hügel,

Auf brausendem Flügel tragen.

Horch! – Lispelt nicht von fernher schon

Der Nachhall jeden Jubelton;

Die Trauer Roms, und unsre That?

„Blutend wälzt sich der Legat,

Blutend der Tribun, blutend der Centurion,

Auf zwey und einer Legion.

Wer warf die große Saat aufs Feld?

Siegmars, des Helden Sohn, ein Held!

Getragen auf den Schilden,

Wird er von allen Seiten

Erretter begrüßt:

Herman ist sein Name,

Ewig seine Wohlthat,

Wie sein Sieg es ist!“

O wende dich! Wie strahlt der Glanz

Des Helms durch deinen Rosenkranz,

Als hätt' ihn Freya selbst gepflückt,

Mit eigner Hand dich so geschmückt,

Und führte dich zum Heldenmahl

In Tohros Tausendfreudensaal:

Als tanzte sie mit dir dahin,

Sie, jedes Reizes Pflegerin,

Blauäugigt und mit Haar von Gold:

Denn dir ist Göttin Freya hold!

Sie pflegt die Tage deines Seyns:

Denn Reiz und Tapferkeit ist eins.

Wohl mir! In ihrem Eichenhain

Hat mich, dein Barde nun zu seyn,

Hat Freya mich geweiht.

Schon in der hüpfenden Knabenzeit

Riß mich die stürmische Gewalt

Herzlicher Neigung in den Wald:

Da horcht' ich oft am Wasserfall;

Ich lernte von der Nachtigall

Am Abend, von der Lerche früh;

Und selbst des Westwinds Melodie.

Auch lauscht' ich oft bey Mondenglanz

Auf den geheimnißvollen Tanz

Der Jungfraun, welche sich im Hain

Dem Dienst der schönen Freya weihn.

Jed' um die Hüften ein Band,

Ums Haupthaar Eichenkränze,

Jed' ein Schwert in der Hand

Tanzten sie Heldentänze,

Schlugen sie Schwert an Schwert; da klang

Ein Silbergetön in ihren Wonnegesang:

Und indeß sie singen,

Flimmert der Mond an den Klingen,

Daß des Schauspiels Pracht

War wie die Sterne der Nacht.

Hundertstimmig sang der Chor,

Thuiskons Krieg, das Treffen Tohr;

Den Götterwink womit im Streit

Der Feldherr Wuth bald Ruh gebeut;

Den Ruhm, der in der Schlacht

Den müden Mann erquickt;

Den Sieg, der Götter selbst beglückt.

Dann sangen Zwey und Zwey den Bund

Der heilgen Freundschaft, den so Mund

Als Hand und Herz vollziehn;

Drauf sangen sie des edlen Weibes Liebe

Wovon auch Helden glühn:

Selig, selig ist, wem Freye,

Warm von Lieb' und stark an Treue,

Seine Gattin wählt!

Aber, Jüngling, unsre Reigen

Tönen nicht zur Lust des Feigen;

Und in diesen Armen ruht

Nur der Mann,

Der biedre Mann,

Welcher edle Thaten thut.

Dann brach der hundertstimmige Chor

Mit volleren Liedern rasch hervor;

Der mächtge Wohlklang füllte den Hain,

Da brausten die Eichen,

Da rauschten die Tannen

Holdselig darein.

Nun wuchsen Keime des Gesanges

In meinem Geist', und Kraft des Klanges

Wurzelt' in meine Lieder ein

Die ich nachahmt' im Eichenhain.

So wuchs ich groß, und Arm in Arm

Ward Godschalk mit mir auferzogen,

Von gleichem Muth, von gleicher Freundschaft warm.

Die Harfe wie der Bogen,

Und mancher Held und manches Ziel,

War unser Lied und unser Spiel:

Dem Herzen das sonst alles fand

War Liebe nur noch unbekannt;

Oft fragten wir uns im Geheim:

„Was mag die große Neigung seyn?“ –

Keiner des Räthsels mächtig,

Ohne Führer und Licht,

Wurden wir ernst und einsam;

Alle Adern glühten,

Alle Gedanken riethen

Auf die mächtige Neigung,

Und erriethen sie nicht.

Und als ich einst im Rosenmonde,

Auf dem duftenden Blumengras,

Unter dem Schatten der Lindenblüte

In der Ahndung Bilder tief verloren saß;

Sieh', o siehe da! hinter den Eichen,

Rings um mich, aus allen Sträuchen,

Schwärmte der heilgen Mädchen Chor

Gleich den Morgenlerchen hervor:

Und da sang ein Rosenmund,

Süß wie der Ruf der Ehre:

Daß die Flamme Rhingulphs ihn

Nicht zu früh verzehre;

Wähle hie für Herz und Hand:

Reizend gleich der Ehre,

Heilig wie das Vaterland,

Ist der Göttin Freya Band.

Zitternd vor Ungestüm

Hub ich an zu wählen.

Götter! welcher Schönheit Zahl! – –

Aber kurz war meine Wahl:

Irmgard! kont' ich dich verfehlen?

Andrer Augen Himmelblau

Winkte mir vergebens:

Hier ist, Irmgard, meine Hand

Auf den ganzen Weg des Lebens! –

Nun theilte sie, ein Herz ein Sinn,

Mit mir die Süßigkeiten

Der Liebe; war die Richterin

Und Freundin meiner Saiten:

Da ward die Zeit

Mir Eine Seligkeit;

Da kränzt ich mich mit Kränzen

Von Rosen! – Denn das Leben

Des Sterblichen ist wie der Rosenstrauch,

Der holde Blumen trägt

Und scharfe Dornen auch.

Du, Godschalk, bist ein Stachel,

Der, meine Brust durchborend,

Mir bis ins Leben reißt!

Ich sollte dich haßen, Verräther:

Aber – du bist gefallen! –

Und meine Thräne fleußt.

Unbändig wie des Meeres Wogen,

Betrüglich wie der Waßersand,

Treuloser, hast du mich betrogen,

Denn du betrogst dein Vaterland.

Gelockt durch Römerschmeicheleyen

Verließest du es in der Noth.

Hast du nun nicht den Tod verdienet? –

Wohlan – ach! du bist todt!

Da schauderts mir durch Herz und Muth.

Roth, alles roth vor mir, wie Blut. –

Verderben möcht' ich dich, o Faust! –

Still! – Ha, da ist sein Geist; er braust

Wild über mir in der Fichte Zweigen

Und es umflüstert fürchterlich

Der Todtenklage Winseln mich.

O gute Götter, laßt es schweigen!

Daß ich die blutge Siegesfahn

Hochjubilierend schwinge,

Und daß der Barde als ein Mann

Sein frohes Lied vollbringe:

Denn Er, ist hin! – –

In Irmgards Arm,

(: An des Unwürdgen Seite:)

War Teutschlands Knechtschaft unsre Quaal:

Wir glühten, zürnten: – auf einmal

Erscholl der Ruf zum Streite.

Froh gürtete den Rachestahl

Mir Irmgard an die Seite:

Sie band und kränzte mir mein Haar,

Sie reichte Lanz' und Bogen dar,

Und reizte mich zum Streite.

„Noch einmal (: fest umfing sie mich,:)

Will ich mit ganzer Inbrunst dich,

Mein freyer Rhingulph, küßen,

Sieg oder Tod sey heut mit dir!

Doch kämest du zurück zu mir

Mit Feßeln an den Füßen,

Mit wundenleerer Stirn und Brust,

Wenn du zu siegen nicht gewußt,

Noch weniger zu sterben:

Dann will ich diesen Rhingulph fliehn;

Nicht haßen, nur verachten, ihn

Nie wieder sehn und sterben.“ –

Das war genug! das war zu viel!

Ich warf mein schallend Harfenspiel

Mit Stolz und Unmuth nieder.

In Zorn zerrann der Geist der Lieder:

So sprang ich hin, und hatte mein Schwert

Im Huy auf unsre Feinde gekehrt,

Im Huy den todesvollen Köcher

In ihre Phalangen ausgeleert.

Die Götter liebten uns. Der Sieg

Trat den raubsüchtgen Römer nieder;

Die Freiheit kehret wieder

Und das versöhnte Schwert

Ist in die Scheide zurückgekehrt:

Nun ist die Zeit der Lieder!

Irmgard! Ein Sieger grüßet dich!

Komm, gieb mir meine Harfe wieder.

Doch erst umarme mich.

Dann wird der Sang entzückter klingen,

Der in die Bardensaiten tönt:

Denn Freude soll den Sieg besingen,

Der uns mit diesen Feyerblumen krönt.

Mein Herz singt mit, und mein Gedicht

Sogar erkennt Roms Vorschrift nicht:

Jedoch Triumph! wild, regellos,

Bleibt noch das Lied der Freiheit groß!