Erstes Straff-Gedichte

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Komm werthe Freyheit komm! Komm Göttin hilff mir schreiben

Weil ich ja schreiben soll. Calliope mag bleiben

Und heucheln wie sie will. Der schönen Worte Pracht

Hilfft doch der Warheit nicht. Und nun ich mich bedacht

Befind' ich daß sie woll dafern ich bitten wolte

Mit ihrer Schwestern Schaar mich nicht besuchen solte:

Weil sie den langen Tag bey jenem embsig sitzt

Der Flüsse von Verstand (wenn ihm die Stirn erhitzt)

Mit Strömen von sich geußt: Wenn Faunus hier zu finden

So spräch' er bey uns ein doch wandelt um die Linden

Doch wandelt auf der Burg doch wandelt in der Stadt

So viel gehörntes Volck das Faunus selbst sich hat

Verkannt als jener Knecht der von sich wurd geschlagen

Und vor sich selber lieff. Jedoch was werd' ich sagen

Daß neu und zierlich sey. Phantast! wo denck' ich hin

Der ich noch in der Welt und in dem Lande bin

Da man die alten Schwänck in neue Formen drücket

Und ein verfaultes Buch mit Kupffer-stichen schmücket

Und auf die Groschen hält die jener König schlug

Der Hörner auf der Müntz an statt der Crone wug.

Man kaufft ein halbes Brett auf welchem kaum zu kennen

Wo Albert Dürer steh: Last nur den Lucas nennen

Den Ruhm der Weisen Stadt der schier vor Hunger starb;

Den rufft ein ieder mein! der Mann der nicht erwarb

Was auf die Farbe lieff. Der auf gemeiner Bahre

Ward nach der Grufft geschickt dem zahlen hundert Jahre

Für die berauchte Kunst viel tausend Gulden aus!

Wie viel hält Kottwick itzt auf sein verschwemmtes Haus

Von welchem kaum die See sechs Steine lassen bleiben?

Denckt nur wie viel anitzt zu jenem Schreiber schreiben

Der von den Helden sang die Asien verheert

Und Pergamus geschleifft und Trojen umgekehrt!

Es sind von Arbiter nicht so viel Stücke blieben

Als Federn sich an ihn in einem Jahr gerieben;

Und denckt man woll das Tros der tausend Bücher macht

So viel aus einem Hirn (das nicht zu klug) erdacht:

Nein warlich! wenn man nur solt auf die Schaale legen

Was sein Erforschen fand es würde leichter wägen

Als Psychens Jungfrauschafft als Flacci theurer Schwur

Als Trullens Redlichkeit dir durch die Lüffte fuhr

Eh als sie Polydor mit Lügen recht gefiedert

Entsetzt man sich da sich mein Anfang etwas wiedert

Und mit dem Mittelstück so stimmet überein

Als Cajus gantzer Hals und sein durchschossen Bein

Als Madons grauer Bart und die Blut-rothe Nase

Als ein behertzter Löw und ein verzagter Hase.

Es ist ja mehr denn wahr daß man sich itzt so trägt

Daß man so lehrt und schreibt und so zu reden pflegt.

Flaccilla steht es zu. Die schmückt die fremden Haare

Den Deckel ihrer Platt' und ziert mit theurer Waare

Die Brüste trefflich aus doch ist der Leib befleckt

Den ein zerrissen Tuch an statt des Hemdes deckt.

Was ist Leanders Kleid? ein Spiegel seiner Sitten!

Schön' oben unten kahl leichtfertig in der Mitten

Meint ihr daß ihm der Strauch der Schlingen schöner steh'

Als itzt der Federpusch den Fallus, der wohl eh'

Auf einer Wiesen pflag behertzt das Gras zu mayen?

Wie ändert sich die Zeit! itzt kan er Gold ausstreuen

Das er den Bauren hat so tapffer abgejagt

Als er sein Leben gar biß in den Speicher wagt.

Meint ihr daß er die Kett' hab auf dem Mist erworben!

Ach nein! er hat getrost den Völckern die gestorben

Eh' er gebohren ward gedräut mit Flamm und Schwerdt

Er hat ihr altes Hauß die Todt-Kist umgekehrt.

Und (was Ulysses nicht bey Hectors Grab gewaget)

Sie aus der Grufft gebracht und in die Lufft getaget.

Ich hab es selbst geschaut wie sie in Asch' und Wind

Als er die Faust anlegt so bald verstoben sind.

Unangesehn daß sie vordessen gantze Hauffen

Der Türcken in die Flucht in Hungarn lehrten lauffen.

Ich weiß wol daß ihn nechst der strenge Sejus stieß.

Daß er den gantzen Leib zu Boden sincken ließ.

Doch litt' ers mit Gedult und hielt es ihm zu gute.

Warum? der Sejus war von nicht so edlem Blute.

Und last ihn edler seyn; Es stehet Helden an

Daß man dafern es Noth auch was verzeihen kan.

Thats Isabelle doch die hat sich nie beschweret

Daß Robert ihren Mann bey später Nacht entwehret

Entwehret und erwürgt. Wenn er nicht selbst entdeckt

Was seine Faust verübt: er wäre nie gereckt

Und nie des Kopffs beraubt. Sie hat mit Angst empfunden

Sein unverhofftes Weh; die auf des Mannes Wunden

Durch die ihm Blut und Seel auf eine Zeit ausfloß

Nicht einen Seuffzer ließ nicht einen Thränen goß.

Das hieß recht treue Gunst. Das hieß die Feinde lieben!

Und sich ob eigner Noth nicht gar zu hoch betrüben!

Diß kan Petrinus nicht der viel von Tugend schwätzt

Und doch mit Hurerey und Lügen sich ergetzt.

Wie offt hab' ich gehört daß er den Ketzern fluchte:

Daß er der Menschen Thun auffs fleißigste durchsuchte!

Wie offt daß er was falsch vor Warheit hat bericht!

Wie offt daß er aus Haß ein Laster hat erticht

Wo man kein Laster fand! Doch daß er selbst ist kommen

Zu Phrynen iede Nacht sie in den Arm genommen

Kam eher nicht ins Licht biß sie das Kind gebahr

Daß ihr doch ihm vielmehr nicht angenehme war.

Die Arme wie man weiß ward darob so betrübet

Daß sie ein Mord-Stück hätt an ihrer Frucht verübet

Wenn nicht der schnelle Tod das abgekränckte Pfandt

Noch vor der sechsten Nacht der Gruben zugesandt.

Wie schamroth ward Petrin! wie hat er sich verkrochen

Als ieder schrie; der Mann hat Ehr' und Eid gebrochen!

Er schwieg. Doch länger nicht als an den zwölfften Tag

Da leugnet er so frech als Turbo lügen mag.

Doch weiß die grosse Stadt daß Phryne klar erwiesen

Mit Schrifft mit Eid und Pfand und Zeugen die man kiesen

Nicht zehlen hat gesehn daß er die That verbracht

Und in der Mutter Burg zur Hure sie gemacht.

Was ists denn (sprach er) mehr! Und wär es gleich gesechhen

Man hat mich dennoch nicht mit Schwestern buhlen sehen

Nicht in der Tochter Schoß wie Verianus pflegt

Der sich zu Kind und Weib und Baas und Schwester legt;

Lebt mäßig sprach Melin, wo ihr mit achzig Jahren

Und zehnmal dreyen noch wo ihr mit greisen Haaren

Wolt nach der Gruben gehn und tranck den Becher aus

Der weiter als sein Kopff und grösser als der Straus

Den neulich jener Artzt vor einen Luchs ansahe

Hilff Gott wie lachten wir! doch als der Abend nahe

Und der verlogne Ceph sich selbst vor Ritter schalt

Da zogen wir den Hut da neigten wir alsbald

Den Kopff schier in den Dreck da küsten wir die Hände

Wir sassen unten an wir starrten wie die Wände

Wenn er den Blasebalck der Zungen spielen ließ

Und eitel Wunderwerck aus seiner Gurgel stieß.

Wie hörte Cælia, da er mit Gläsern schantzte

Da er Pocal um sich gleich als Carthaunen pflantzte:

Da er die Schüssel nahm: und schrie diß ist die Stadt

Diß ist das Feld! auf dem mein Fürst gefochten hat.

Hier lag der stoltze Feind hier stieg Staub Rauch und Flamme

Mit Krachen Himmel-an: Hier gieng mit Ast und Stamme

Der gantze Wald in Brand. Und hier hier merckt es wol

Hier war mein Tummelplatz hört was ich sagen soll:

Durch hundert drang ich hin den stieß ich durch die Lenden

Den andern durch den Bauch der fiel mit lahmen Händen

Den trat sein Roß in Sand dem schlitzt ich Haupt und Brust

Den zwang ich daß er Fahn und Leben lassen must.

Die Kugeln flogen mir als Schlossen um die Ohren!

Der Bart ist noch versengt den Zopff hab ich verlohren

Als die Carthaune mir drey von der Seiten nahm

Und ich mit Blut und Staub bedeckt entgegen kam

Dem Haupte das auf uns das Gegentheil verhetzte

Ich schlug (wiewohl Bramant es zwantzig mahl entsetzte.)

So auf en Helden loß daß ihm der Geist entwich

Und wenn Alcander nicht der auf dem Platz erblich

Ihm beygesprungen wär' er hätte mir sein Leben

Wohl dreymahl und noch mehr zu Pfande müssen geben

Drauf fiel ich auf die Stadt die man umsonst gequält

Mit Flammen Sturm und Schwerdt so lang es an mir fehlt.

Als ich mich auf den Wall der stoltzen Burg geschwungen

Da ist der Anschlag uns da ist das Werck gelungen.

Man hat vor andern mich sehn in dem Graben gehn

Man hat vor andern mich sehn auf den Mauren stehn

Diß hörten unser zwölff! und keiner wolte pfeiffen

Unangesehn daß wir mit Fingern konten greiffen

Daß er der Schwätzer war der durch das gantze Land

Hat Kräuter Theriac und Salben für den Brand

Und Pulver für die Würm und für die faulen Zähne

Den Bauren offt verkaufft: ja daß ich nicht erwehne

Daß ihm mit Bircken-Laub der Rücken abgefegt

Auch nicht daß ihm ein Band von Hanff ward angelegt.

Wir wusten über diß daß ihm der Geist entwichen;

Als er den Cörper sah der auf dem Rad erblichen.

Behertzter Rittersmann du hast dich ja gewagt

Wohin es möglich war biß man dich hat verjagt

Doch diß ist nun kein Hohn. Wer vor sein Land wil wachen

Wer nach Gewissen geht und den der in den Rachen

Des strengen Todtes rennt auffhält so lang er kan

Wer ein geschmincktes Wort und was ein Fürst beut an

Und was ein König dräut ohn Angst und Hoffen höret

Wer Redlichkeit allein nicht Ruhm nicht Schmeicheln ehret

Geht offt wohin man vor die Schelmen lauffen hieß

Und den der Frau und Kind mit einem Dolch erstieß.

Drum loben wir was recht und thun was uns ergötzet

Wir rühmen was Camill in sein groß Jahr-Buch setzet

Und leben wie es Brauch. Der ist ein guter Mann

Der nicht mit einem Mund zwey Liedlein singen kan:

Diß reden was man meint so leben wie man lehret

War jene Zeit gemein; da man die Tugend ehret

Einfältig sonder Pracht da man mehr that als schrieb

Mehr wust als hören ließ und in den Schrancken blieb.

Die kein Verstand bewegt: Als ein Gesetz alleine

Für tausend Länder stund als man das Mein und Deine

Nicht mit dem Spieß abmaß als Kirchen und Altar

Zwar sonder Gold doch wol von göldnen Priestern war

Die Liebe die Geduld vor höchste Weißheit achten;

Und nicht aus ihrem Dienst ein weltlich Handwerck machten.

Als man mehr weise Leut' als itzund Narren fand

Mehr Werck' als Tittel nun die einig unser Land

Das nicht mehr tragen wil so reichlich auff-läst gehen

Die Schlösser brechen ein die neuen Tittel stehen

Der Thurm stürtzt auf den Grund die Kirch' ist Asch und Grauß

Man kehrt die Gräber um. Die blinde Fledermaus

Der Uhu nebst der Schaar der ungepaarten Eulen

Bewohnen den Pallast. Die grausen Wölffe heulen

Durch die nun wüste Stadt. Und was nun ist verschwindt

Die Tittel sinds allein die man im Blute findt.

Und die man finden wird wenn keiner mehr wird suchen

Ich wil was Celsus weiß und Crassus hat verfluchen.

Wenn ein erlogen Wort mir diß und jenes giebt

Und mehr denn Cajus wünscht und Theopompus liebt

Glaubt fest es ist mein Ernst ich wil es klar beweisen

Daß wir an Alcidor nichts als den Tittel preisen.

Ko i grosse Göttin ko i und beut mir Hülff und Hand:

Du weist wol was ich wil: Dir ist der Mann bekannt

Der ihn (wofern man soll der Mutter Worten glauben)

Für seinen Sohn erkiest; sein nicht verdecktes Rauben

Und offenbahre List stinckt mehr denn sein Gebein

Das in der Gruben fault der Bruder ist allein

Berühmt durch fremder Angst. Er selbst ward aufferzogen

Da wo die junge Sau der alten Brust gesogen

(das Unmensch bey dem Vieh.) und von der Lämmer Schaar

Als dreyzehnmal die Erndt itzt angebrochen war

Gezwungen in die Stadt in welcher Varus wohnet

Dem der nicht weise Rath mit baarem Gelde lohnet.

Daß er die Knaben streicht und diese rasend macht

Die man ihm anvertraut. Der schlug ihm iede Nacht

Die Kunst mit Ruthen ein. Der Varus solt' ihm zeigen

Was Varus nicht verstund. Der Varus lehrt ihn schweigen

Denn reden kont er nicht. In kurtzem Alcidor

Ward ein so grosser Plock und ungehirnter Thor

Als nicht sein Meister ist. Drauf ließ er sich hinführen

Wo man die Esel schleifft und mit dem Holtz-Beil zieren.

Doch leider nur umsonst es hängt uns ewig an

Was Schul' und Amm' einschmiert. Als nun das Geld verthan

Das ihm die Mutter gab als er die Nacht mit Sauffen

Den Tag mit Kost' und Ball das Jahr mit Tantz' und Rauffen.

Den Rest in Chloes Arm beschlossen dacht er nach

Daß die geschwinde Zeit gleich einer schnellen Bach

Sich gar nicht hemmen läst. Daß ihm die Schwäger schrieben

Daß Braut und Schwester ihn gleich als nach Hause trieben

Und hub zu lernen an. Zwey Bücher kaufft er ein

In welchen allerhand vermischt wie Kalck und Stein

Wie Klee- und Körbel-Kraut und Nesseln und Violen

Und Kreß und Majoran wie Asch und lichte Kohlen.

Die las er fleißig durch. Drein setzt er manche Hand

Und Stern' und Eselsohr und durchgeflochten Band.

Die fast' er in den Kopff die kont er eh'r auffsagen

Als Prisca zehlen wird wie viel sie hat getragen

Als Best, wie viel er stahl wenn er nur einen fand

Der noch was gröber war denn maß er den Verstand

Mit vollen Maltern aus denn wust er zu erzehlen

Was Socrates gelehrt wo Plato pflegt zu fehlen

Die er so offt durchsucht als ich der Mohren Feld.

Und der mein Vaterland der in der neuen Welt

Geröste Schlangen frist. Doch wenn der Fall ihn setzte

Zu einem der den Zeug nach seiner Würde schätzte.

Vor dem ein Esel sich umsonst in Löwen-Haut

Verkleidet sah' er aus wie ein verschimmelt Kraut.

Das mir nechst Themison für Balsam geben wolte

Als ich nach seinem Rest den Wagen saubern solte.

Denn schwieg er wie Carin, dem Muth und Zung entschlieff

Als die bewegte Stadt ihn anzuhören lieff.

Doch was kan dieser nicht bey dem die Scham verlohren

Sein Silber ward (nicht er) zu diesem Amt erkohren.

Sein Silber sprach vor ihn das bracht ihn in den Stand

In welchem er geblüht als sich das gantze Land

Vor seiner Macht entsetzt. Doch die ist nun verschwunden

Der Lands-Knecht hat das Geld sein Amt ein ander funden

Den Tittel hat er noch der bracht ihn zu der Eh'

Der bracht ihn auf den Hof der setzt ihn in die Höh'.

Der macht daß ich nicht mehr von seinen Wercken schreibe!

Ich der ich meine Zeit in Einsamkeit vertreibe

Ich der ich eine nicht als Jungfrau ehren kan

Die schon das sechstemal wird Mutter sonder Mann.

Ich der ich einen nicht kan einen Herren nennen

Den ich nicht würdig acht' als einen Knecht zu kennen;

Ich der nur lachen muß wenn den Josippus ehrt

Dem er den Galgen wünscht wenn man den Ruf gelehrt

Den Tallus edel nennt den Bassus wohlgebohren

Den Lycus unverzagt und Marrucin den Thoren

Ein Wunder dieser Welt. Doch lach' ich nur allein

Bey Bauren stellt man Schertz bey Narren Lachen ein.