[Es bleibet unentrükkt- mir wallt nicht aus den Sinnen]Fußnoten

By Georg Philipp Harsdörffer

Written 1632-01-01 - 1632-01-01

Es bleibet unentrükkt mir wallt nicht aus den Sinnen

Was raubt der Zeiten Grimm. Ich sehe deine Zinnen

Du Schäferaufenthalt mit Denkens-Augen an

Noch shwing' ich meine Muht o Jena als ich kan

Zu deinem Pindus hin. Sechs Monden sind verflosen

Seit daß ich deiner Lust (ach Lust!) nicht mehr genossen

Seit daß ich neben dir der Freund' entworden bin

Ist Cynthjen Doppelhorn schon sechsmal überhin.

Ach solt ich wieder seyn bey den gelehrten Schaaren

Der Hirten welche nie dann singend müssig waren!

Möcht meiner Flöten Thon mit ihrem stimmen ein

Ich wolte wie ich pflag' auch nicht der Letzte seyn.

Wo ist der Musen Chor mit Nymphen bunt vermenget

Wo wird ein Schäfersinn zu Künsten angestrenget

So wie zu Ihen gemein? Da mancher Schäferstab

Indem er Künste liebt gräbt seines Todes Grab

Vnd macht sein Sterben todt. Es krönen Daphnes Arme

Nächst Myrten Hirten euch daß euer Geist erwarme.

(Da wo die Saal sich stämmt und schlägt die Wellen an

entbrante mir der Sinn oft auf der Wolkenbahn)

So glimmstu hell empor wie Funken aus der Aschen

In eine Flammensee sich unvermerkt einwaschen;

Gradivus wolte seyn dein Henker Sarg und Grab

Der dir zum Wachstum reicht des Ruhmes Wanderstab:

Es blitzen überall die eisernen Ballonen

Der Wolke Donnerstimm beginnt in Feld zu tohnen;

Der ärne Jupiter bläst schwartze Wolken aus

Sein Hagel schrökket selbst das blaue Götterhaus.

Wie wann der Brennerberg sich Zügellos gerissen

Die harten Felsen kocht und siedend Hartz geschmissen

Aus seinem holen Schlund es tönt die schwartze Kluft

Hier waltzet sich Vulcan mit Wirbeln an die Luft

Vnd lekkt Orions Knieh die Schwefelflokken fliegen

Es will der Flammenschwall das Sonnenrad bekriegen

Sein Duft verdampft den Tag sein Tag verjagt die Nacht

Es prasslet rollt und tobt es knastert platzt und kracht

Der Stein-Bley Regenguß: So giebt der Welt zu schaffen

Das rohte Mordgeschütz. Die niemals-müden Waffen

Verschlaudern manchen hin zum Pöbel in den Staub

Dem üm den Wirbel nicht kreucht frisches Lorbeerlaub.

Des allen lachest du kein Krieger mag dich binden

So daß du soltest nicht dein Ruhmgerüchte winden

Bis an der Sternen Zelt dein Lob auf Wolken reit

Verpfält schon unser Thun die Neig der bösen Zeit

Blinkt schon das Raserschwerd: Es kennen dich die Bogen

Die üm den Punkt die Erd den blauen Rokk gezogen

Dein Glantz verbrüdert sich mit ihrer Liechter Wacht

Reist mitten in dem Sturm durch schwartzer Nächte Nacht.

Mein Reim erreimt es nicht diß Rümen fleucht dein Rümen

Daß deine Würde soll mit Wortgebür verblümen

Diß Singen ist ümsonst ümsonst die Dichtbegier

Ein langer langer Reim reimt dannoch nichts von dir.

Doch soll der Mangel nicht mein Lallen mich verkehren

Mein Will lebt ewig hin dich ewig zu verehren

Mein Denken nehr ich fort weil Nais Seewarts rauscht

Vnd weil das küle Nichts bey Berg- und Büschen bauscht

Wird deiner Clio Gunst mehr steigern dieses Singen

So soll mir auch dein Lob im höhern Chor erklingen

Dann soll man lesen baß in meinem Reimgebänd

Wie dein Glükk und Geschikk den Himmel dir verpfänd.

Jedoch wie kan ich hier wie kan ich immer schweigen

Wie kan ich weiter nicht in dein Gerüchte steigen

Das andre sey verspart. Ich soll dein Maro seyn

Dein Pind und Tempe lädt die Feder wieder ein.

Die Felder üben mich die mich verzaubern kunden

Die meinem Plato ab-geteuschet manche Stunden

Die Först an Schatten reich das frische Sudgefild

Die Berge so Pomon und Ampelos macht mild.

Der Schnitter hatte schon als auf den ersten Pfaden

Dein Sand mich angestäubt die Speicher zu geladen

Mit Ceres Aeren gab der Akker war beraufft

Der Weitzenwucher sprang der starke Dräscher schnaufft

Vnd klopfte fremden Schweis: Das Obst begunt zu lachen

Von seinem schlanken Ast und macht ihn tödlich krachen

Die Wiesen falbten zwar die Blätter fielen ab

Doch wölbte dieses nicht das Freudenächter Grab

Gab Flora gute Nacht den starrbereiften Auen

Ließ Tellus greiß und grau und kahl den Scheitel schauen

Was mehr? der spate Herbst schänkt ädler dieses ein

Der schwere Rebenstokkt wolt jetzt entlastet seyn

Die Beere drohten schon der Kelter ein Bespritzen

Das liebe Zärlein Wein das uns so kan erhitzen

Das süsse Traubenblut den Freudewekker-Safft

So Lust und Leben regt der Alten Milch und Krafft

Des Dichtens Wetzestein das Tummelroß der Blöden

Des Gifftes Gegengifft der Sorgendie uns töden

Der Froheit Fakkelkien. O welch ein teures Gut

Hält deiner Berge Gold in holdbegrünter Hut.

Mehr fand sich als der West der Schlüssel unsrer Weiden

Geschwängret Berg und Thal Büsch Auen Hügel Heiden

Nichts fehlte mehr der Lust als jetzt das bunte Kleid

Der Floren aufgeklärt das graue Winter-Leid

Als jetzt der rohte Tag die Brachen konte schauen

Beperlet angefrischt von silber-hellem Tauen

Als Phöbus nicht mehr hielt der Marmorschmeltzer an

Vnd hemmt ein sanfter Hauch der rauhen Bläste Bahn.

Ich weiß nicht was ich sing und sing nicht was ich denke

Das Denken nimmt mich mir daß ich mich hinwarts lenke

Wo mancher Freudentag mir hat den Sinn geraubt

Vnd in das stumme Feld mit stummer Macht verschraubt.

Die Wahl verwarf die Wahl der Ort war aller Orten

Zu weiden Aug und Muht hier jenseits da und dorten

Ist eine Lust so Lust und Feld-ergötzung macht

Sie wohn gewiß wo Jhen und Jhenens Vmkreis lacht.

Wo stille Wohnung ist Wo dikk-belaubte Fichten

Im wohl-gesetzter Reyh den külen Schatten schichten

Im kleinen Musen-Forst wo mein beruhter Muht

So oft und über-oft so unberuht geruht

Da wo ein Kieselbach sich durch dieTäler quälet

Die krause Silberflut dem Landesstrom vermälet

Wo Luft und Einsamkeit lud meine Sinnen ein

Vnd hieß der Glieder Rast begrünte Wasen seyn

Da wo aus hartem Fels der heitre Brun erquillet

Der sonsten Luthern hat oft Last und Durst gestillet

Dem teuren Gottes-mann in dessen küler Krufft

Der Schnitter halb-verschmacht dem Geist herwieder rufft.

Dort war ein weiter Platz da deine Wiesen lachten

Den frohen Himmel an des Sudes Kinder wachten

Vnd namen wann zumahl der Wolken Halt genässt

Von feuchten Büschen weg was Sonn und Erde lässt.

Da schwumm in leerer Luft verbultes Luft-gefieder.

Pfiff in erhitzter Brunst verkrümmlet-krausse Lieder.

Die muntre Nachtigall so niemahls geht zu Bett

Flocht ihrer Stimm gestimm mit andern in die Wett.

Hier redte Gegenhall bey eine Turmes Zinnen;

Ließ ihren Forder-laut sich nichtes abgewinnen

Vermälte Zephyrn sich gab was sie hat erhorgt

Mit wieder-paarer Müntz und was sie abgeborgt.

Kurtz alles lebte da was macht die Geister leben

Die mitten in der Haft noch ungefässelt schweben

Du Jhen bist deren Wirt von Gästen hastu Rum:

Nun wohl so werde fort durch sie der Städte Blum.

Ich schwöre bey der Quell die Witz und Silber spritzet

Ich schwöre bey der Flamm die auf Parnassus blitzet

Ich schwöre Jhena dir bey meiner Heerden Schnee

Ich schwöre bey dem Stab der hier beschwehrt den Klee

Ich schwöre bey dem Pan und seinen sieben Rören

Daß man soll dein Gerücht in meinen Reimen hören

Wann alle Welt auch schwieg: Dein Lob grünt inner mir

Auch wann dein Leben gar wird schweben ausser dir

Dafür der Himmel sey den Mund die Dichtgedanken

Soll nimmer machen laß ein Dank-vergessnes Wanken

Dank heischet meine Pflicht Dank soll mein Denken seyn

Biß Libitina mich wirft in den Todten-Schrein.

Indeß so friste dich der Himmel für dem Wetter

Das in den Ländern regt der freche Land-betretter

Kein Krieger krieg in dir mit Pulfer-Schwefel-Dampf

Dein Feld bleib unverfärbt mit Blut-gefärbtem Kampf

Kein Vnfall fälle dich: Es rausche sonder Hassen

Die Schuppen-reiche Saal durch ihrer Täler Gassen

Bellona trübe nicht den gold-gestriemten Sand

Es schütze Pythius das Kunst-getränkte Land.

Ihr aber ihr mein ich ihr Liebsten meiner Lieben

(So hab ich manches mahl an manchen Stamm geschrieben)

Ihr meines Vnmuhts Tod mein Halbes halbes Hertz

(Daher mein todter Leib fült täglich Tod und Schmertz)

Lebt wol und immer wol in euren Myrten-Hürden

Die euch der Sorgenlast entlasten und entbürden

Lebt freudig und vergnügt vergnüget sonder mich

Der Ort entfernet uns die Seelen sehen sich:

Die Seelen bleiben Eins: Die Körper sind geschieden:

Viel Seelen nur ein Sinn die soll kein Leid zerglieden

Kein Ort und keine Zeit bis daß uns dekkt die Gruft

Bis daß das letzte Wort verletzt die leere Luft

Bis uns der blasse Tod anblasset Stirn und Wangen

Bis diese Segel einst im Hafen angelangen

Bis daß uns allerseits wird werden angethan

Wodurch man Götter sonst vor Menschen kennen kan.