Feld-Bluhmen am Wasser.

By Barthold Heinrich Brockes

Als ich an einem Wasser-Graben, der, hohe Felder in der

Mitte,

In einem lang- geraden Strich, so weit man sehen kann,

durchschnitte,

Der rein und klar, als ein Krystall, so recht mit Fleiß poliert,

mich setzte,

Und an dem Erd- und Himmels-Spiegel des klaren Wassers

mich ergetzte;

Ward ich, zu meiner Lust Vermehrung, am Ufer einer Bluh-

men Schaar,

Von ungezählter Farb’ und Art, mit inniglicher Lust,

gewahr.

Zu unterst war am jungen Schilf ein Grün, das unbe-

schreiblich- schön,

Zumahl vom Sonnen-Licht durchstrahlet, ein recht durch-

läuchtig Grün zu sehn,

An diesem stand, in hellem Purpur, manch Blühmchen, das

Levcojen gleich,

Dort war ein Platz an Silber- weissen und riechenden

Camillen reich.

Die röhtlich- gelben Wucher-Bluhmen, der Grase-Bluhmen

güldner Glanz,

Die Schwefel- gelben Jrides, der holde weiss’ und rohte

Klee,

Formierten öfters hin und wieder, aus manchem Theil, ein

buntes Ganz,

Bey welchen ich denn auch zugleich, bey gelblich- grünen

Wasser-Linsen,

Ein Büschel dunkel- grüner Binsen,

Aus klarem Wasser, ragen seh’.

Jm tausendfachen Grünen schimmert die liebliche Vergiß

mein nicht;

Vor allen andern Bluhmen aber fiel mir in mein gerührt

Gesicht,

In einer dunkel-rohten Gluht, als wie ein Feuer, hie und

da,

Und übertraf fast all’an Schein, der einfach wilde, rohte

Mah.

Durch den von so verschiednen Farben gemischten Schim-

mer, Glanz und Pracht

Ward jeder Mensch, der menschlich sieht, ergetzet und recht

angelacht;

Ja, was die Schönheit noch vermehrt, war, da die Fluht so

klar, so rein,

Der, von so tausendfacher Schönheit, so hell- geformte

Wiederschein,

Wo, auf des himmlischen Sapphirs, und oft auf einem

grünen Grunde,

Der Bluhmen und der Kräuter Schönheit, verschönert und

verdoppelt stunde.

Und kurz: ein schön- und holder Vorwurf, als dieser bunte

Platz uns wiese,

Ist man, von Edens Auen selber, und vom verlohrnen

Paradiese,

Sich nicht vermögend vorzustellen. Wie kommt es denn,

daß ein Gemüht,

Das sich nicht fast zum Sehen zwingt, dieß alles so gleich-

gültig sieht?

Wie kommt es, daß man solche Schönheit, mit welcher GOtt

die Erde schmückt,

Fast nicht des Ansehns würdig achtet, und ohn’ Aufmerk-

samkeit erblickt?

O unerträgliche Gewohnheit! dein unglücksel’ger Nebel

macht,

Das unser Seelen-Auge blind vor aller Creaturen Pracht,

Indem es GOttes Werk nicht spühret,

Sich Sein nicht freut, wie uns gebühret,

Daß man in ihnen unsre Lust, ja, nebst ihr, GOtt fast selbst

verliehret.