Friedhofszauber

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Dieser stille Gottesacker,

dieses grüne Totenfeld,

wie es wieder mich im Banne

seines tiefen Friedens hält!

Unter diesen Bäumen träumt ich

einst mein Leben licht und schön –

sonnengoldne Zukunftsbilder

winkten von den fernen Höhn.

Sonnengoldne Zukunftsbilder

lockten schmeichelnd mich hinaus

aus der Heimat sicherm Frieden

in des Lebens Sturmgebraus.

Einen vollen Taumelbecher

setzt ich dürstend an den Mund –

und ich trank ihn bis zur Neige

und ich leert ihn bis zum Grund.

In die Heimat kehr ich wieder,

nun der Lenz die Fluren säumt: –

Meine Schmerzen sind zerstoben,

meine Wonnen sind verträumt.

In geheimnisvolles Schweigen

hüllt mich Lindendunkel ein;

durch die knospenschweren Zweige

blickt der Maiensonnenschein.

Und berauschend von den Hügeln

steigt empor der Blütenduft,

aber um die fernen Höhen

weht's wie feuchte Nebelluft.

Dieser stille Gottesacker,

dieses weite Totenfeld,

wie es mich im Zauberbanne

seines tiefen Friedens hält!