Frühling

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Zu meinen Füßen im welken Laub

und mir zu Häupten singt der Wind

in den knospenden Buchenkronen.

blühen die Anemonen,

Ist das ein strahlender Sonnenschein –

ist das ein wonniges Wetter!

Es rauschen unter meinem Fuß

die abgestorbenen Blätter . . .

Das ist der lachende Frühlingswind,

der kommt aus dem sonnigen Süden

und grüßt von der blauen Adria

die Wellen, die wintermüden.

Das ist der lachende Frühlingswind,

der wandert weiter am Strande

und küßt noch heute ein einsam Grab

im nordischen Nebellande.

Auch in den düstern Tannenwald

zieht singend König Frühling ein:

die jungen Knospen lockt er bald,

die glühn wie Blut im Sonnenschein.

Durch die wogende Brust des Waldes geht

ein Atemholen tief und stark –

ein Baum nur trauernd seitwärts steht,

den traf der Frost bis tief ins Mark . . .