Frühlings-Gedichte.

By Barthold Heinrich Brockes

Der strenge Winter ist vorbey, der laue Lentz erschei- net wieder;

Auf, auf, mein Geist! nimm alle Kraft und alle Fähigkeit

Zu sehn, zu fühlen, zu bewundern! Auf bringe Danck-

Dem GOtt, aus dessen blossem Wollen, die Herrlichkei-

Laßt uns von seiner Güt und Lieb’ und seiner weisen

Laßt uns, zu seinen heil’gen Ehren, auch andern unsre

Jetzt zur holden Frühlings-Zeit,

Da sich die Natur erneuet,

Wird mit Lust und Lieblichkeit

Alle Creatur erfreuet.

Eine Fülle von Vergnügen

Seh’ ich auf der Erde liegen,

Auf den klaren Fluten schwimmen,

In den reinen Lüften glimmen.

Es beblümen sich die Felder,

Es belauben sich die Wälder;

Jhre dünn- und klaren Schatten

Zieren die begrünten Matten.

In der Thiere regem Blut

Regt sich eine neue Glut,

Daß sie frölich hüpfen, springen,

Frölich zwitschern, frölich singen.

Seht das blühende Gebüsche,

Seht die Schuppen-reiche Fische,

Hört das Klingen, das Gezische

Der gefärbten Vögel an!

Riecht von so viel tausend Arten

Blumen in dem bunten Garten!

Fühlt das Schmeicheln lauer Düfte!

Hört des Säuseln linder Lüfte!

Seht, wie dort auf glatter Flut

Die Sapphirne Himmels Glut,

In schmaragdnen Ufern, ruht.

Seht wie ihr polierter Spiegel

Blumen, Kräuter, Busch und Hügel

Lieblich, nach dem Leben mahlt!

Gleicht nicht die beblühmte Wiese,

Von der Sonnen überstrahlt,

Gleichsam einem Paradiese?

Alles was mein Auge siehet

Pranget, funckelt, gläntzt und glühet,

Scheinet, schimmert, grün’t und blühet.

Meine Seele wird erquickt,

Wenn sie, wie die Welt geschmückt,

Schöner Lentz, in dir erblickt!

Wenn ich an so mancher Stelle

Dieser Wunder Meuge seh,

Zieht mein Geist sich in die Höh’,

Suchet aller Wunder Quelle.

Da nun fällt der Sonnen Licht

Alsobald mir ins Gesicht,

Diese giebt mir zu erkennen,

Daß die Wunder auf der Erden

Und derselben holde Zier

Form und Farben blos von ihr

Wunderbar gewircket werden.

Doch dieweil der Sonnen Gläntzen

Maasse, Schrancken hat und Gräntzen;

Zeigt sich, daß ihr herrlich Licht

Schön, doch keine GOttheit nicht.

Dennoch führt sie uns am höchsten

Und der GOttheit fast am nächsten,

Welche meine Seel’ in mir,

Wie sich selbst, nicht sehen kann,

Darum bet’ ich oft in ihr,

In der Sonnen Kraft und Zier,

Jhr, und meinen Schöpfer an.

Wenn wir also sehn und spühren

Alle Wunder, die uns rühren

In der holden Frühlings-Zeit,

Laßt, durch frohes Sehn und Hören,

Uns den grossen Ursprung ehren,

Der so wol die Herrlichkeit

Und der Sonnen Licht und Pracht,

Als die gantze Welt, gemacht,

Und aus dessen blossen Willen

Aller Dinge Wesen quillen.

Grosse GOttheit, laß die Lust

Unsrer von dem Wunderschein

Deiner Werck’ erfüllten Brust

Dir, durch dich, gefällig seyn!