Frühzeitiges Erblassen Hn. M. J. B. D. zu St. E. bejammert den 6. Novembr. 1675.
Wer kan den Wunder-Rath des Höchsten doch ergründē?
Sein unerforschlich Schluß bleibt heilig und ge-
(binden
Sein’ Allmacht läst sich nicht der Menschen Satzung
Es wird hier Fleisch und Blut sammt der Vernunfft geschwächt
Es schenckt’
Die milde Vater-Hand ihm einen jungen Sohn
Jetzt sieht er seinen Trost und Hoffnung unterbrochen
Nun mit dem ältesten zieht alle Lust davon.
So wechselt Freud und Leid so mischen sich zusammen
Ein Quell von kurtzer Lust und Thränen-volles Meer;
So folgt die schwartze Nacht den hellen Tages Flammen
Und Freuden sind gantz leicht hergegen Schmertzen schwer.
Wohin sein Auge blickt ist Zunder zu dem Trauren
Er siht nur überall ein Bild der Sterbligkeit
Denn Sarg und Wiege stehn bey ihm in gleichen Mauren:
Dort liegt der todte Sohn hier dieser weint und schreyt.
Den einen hat er schon geliefert GOttes Händen
Der neugebohrne ist ein eingesetztes Gut;
Der ältste kan nunmehr in Port des Friedens lenden
Da dessen Lebens-Schiff noch schwimmt auff wüster Fluth.
Es muß
Und diß Betrübnüß ihm biß an die Seele gehn.
Vor schlechte Wunden sind Heilpflaster leicht zufinden
Nicht wenn sie sich so sperr’n und immer offen stehn.
Wie wenn der letzte Herbst die Gärten gantz entkleidet
Den Blumen ihren Rock und Purpur-Mantel nimmt;
Die Floraferner nicht der Menschen Auge weidet
Das Lust-Stück ohne Lust in Reiff’ und Regen schwimmt:
Der Gärtner sich betrübt daß seine Blume welcken
Die Lilgen untergehn die Rosen sind verblast;
Es lacht kein Hyacinth es riechen keine Nelcken
Weil alle Liebligkeit des Winters Sichel fast:
So glaub’ ich daß auch jetzt der beyden Eltern Seele
Den schmertzlichen Verlust mit heissen Seufftzen klagt;
Der hochgeliebte Sohn muß in deß Grabes Höle
Die schöne Blume hat des Todes Wurm zernagt.
Er wuchs von guter Art gleich Bäumen an den Bächen
Der Jahre Morgenröth erhellte sich in GOtt.
So bald sein zarter Mund nur deutlich konte sprechen
Lernt er des HErren Weg und heilige Gebot;
Ließ zu der Eltern Lust und tröstlichem Behagen
Bald seinen Schulen-Fleiß in vollem Eyfer schaun.
Man schloß daß dieser Zweig würd’ edle Früchte tragen
Und in deß HErren Haus viel Seelen noch erbaun.
Die Klau zeigt einen Löw den Knaben frische Minen
Wie man ihn offentlich mit Anmuth hat gehört.
Ach daß sein Wachsthum hier nicht länger sollen grünen
Und alle Freud und Lust des Todes Arm zerstört
Ein wohlgerathen Kind erprest nur bittre Zehren
Wie sehr man auch den Schmertz zu übermeistern denckt.
Welch Zeno will allhier die nassen Augen wehren?
Diß Leid ist nur zu tieff in Fleisch und Blut gesenckt.
Jedoch
Aus dieser Trauer-Nacht zu der gestirnten Höh
Und denck’ in welchem Glantz und Strahlen-reichen Lichte
Dem allerliebsten Sohn es ewig wohl ergeh’.
Er hat die höchste Schul der Weißheit nun erreichet
Weis ein zwar kleines Kind vielmehr als hier ein Greiß.
Wenn unsre Wissenschafft gleich einem Schatten weichet
Schleust sein Erkenntnüß ein der Ewigkeiten Kreiß.
Er darff nun weiter nicht die treuen Lehrer hören
Und seine Lection wie vormals sagen auff:
Jhm will sein A und O der grosse Meister lehren
Der Erd und Himmel hat vollführt in ihrem Lauff
Er ist wol fortgesetzt nach dem Examen worden
Das bloß an Fleisch und Blut der bleiche Tod vollbracht
Nun sitzt er hocherfreut in einem solchen Orden
Wo jeder Engel sich zum Neben-Schüler macht;
Er wird nichts anders auff als heilig heilig sagen
Wenn wir bey Rauch und Wind uns Redner düncken seyn.
Es wird sein prächtig Haupt die Sieges-Kronen tragen
Wenn Dörner voller Angst sich bey uns flechten ein.
Er hat dem höchsten GOtt nur allzuwol gefallen
Drum eilt’ er mit ihm fort auß dieser Sterbligkeit.
O seelig wer nicht lang als Pilger hier darff wallen
Und ruht in GOttes Hand voll Freud und Sicherheit!
Ich weiß
Wie scharff es auch zu erst hat Fleisch und Blut gedrückt
Und weil er Traurende mit viel bewehrten Proben
Und rechtem Himmels-Trost nicht ohne Ruhm erquickt
So woll’ er was er offt Betrübten hat gerathen
Zu seiner Linderung ihm heilsam legen bey.
Des Schöpffers Allmacht übt bey uns doch Wunderthaten
Sie schlägt und heilet drauf sie bind und macht auch frey.
Gott nimmt ihm einen Sohn und giebet einen wieder
Den schmertzlichen Verlust ersetzt ein gleich Gewinn:
Sein Obsicht stärck’ an ihm die Knorpel-weichen Glieder
Und laß ihn unverletzt zu Trost und Freude blühn.
Ich kan
Weil selbst in seinem Hertz und Mund der Himmel schwebt
Doch wird diß kurtze Wort den langen Schmertz einwiegen:
Er gehins HErren Haus sein liebster Sohn der lebt.