Frülings Klag Gedichte.

By Martin Opitz

Dieweil nunmehr der Lentz mit seinen schönen Tagen

Die alte kalte Zeit deß Winters thut verjagen

Vnd der Welt grosses Liecht die Erdt vnd Lufft vernewt

Vnd alles sich verjüngt vnd alles sich erfrewt.

Dieweil die Erde sich vermählet vnd ergiebet

Dem schönen Westenwindt in welchen sie verliebet

Dadurch so manches Kraut so manches Blümelein

Feld Wald Berg Laub vnd Graß wie new geboren sein.

Dieweil der Vögel schar mit schönem Tireliren

Erfrewen Hertz vnd Sinn vnd durch die Lufft spatziren

Dieweil die Satyri mit lieblichem Gethön

Die Nymfen erlustirn vnd musiciren schön.

Dieweil die Hirten sich in kühlen Schatten setzen

Mit jhren Liebesten sich freundlich zu ergetzen

So sitz ich hier vnd trawr hier trawr ich gantz allein

Vnd habe meine Noth mit niemandt nicht gemein

Als nur mit euch jhr Thier die jhr von ewren Jungen

Vnd sie von euch durch List deß Jägers sein verdrungen

Die jhr gar hefftig Leydt vmb ewre Kinder tragt

Vnd nicht ewr eigne Pein so sehr als sie beklagt.

Biß der gewünschte Todt euch wirdt das Leben enden

So geht es auch mit mir. Ich muß ich muß mich wenden

Zu Leyd vnd Trawrigkeit vnd wie der weisse Schwan

Mein eygen Grabelied mir selber stimmen an

Ihr Nymfen die jhr auff den schönen Wasserflüssen

Sehr offt auß grosser Lieb auch Thränen müst vergiessen

Die jhr beweynethabt mein trawrig Seytenspiel

Wann ich mein hohe Noth beklaget offt vnd viel

Ihr zarten Nymfen kompt kompt o jhr Nymfen höret

Wie sehr die Liebe mich auffs newe seufftzen lehret

Kompt nehmet bey mir ab ob jemals ewer Hertz

Gefület solche Pein vnd vnerhörten Schmertz.

Bringt ewre Krügelein daß jhr darein könt fangen

Das Wasser welches laufft von meinen rothen Wangen

Vnd tragt es in den Saal darinnen Triumphiert

Cupido der Tyrann so mir diß Leyd gebiert

Vnd du auch Zephyre der du noch nicht vergessen

Der Flora die dein Hertz vor langer Zeit besessen

Nimb von mir meine Klag vnd führe sie der zu

Vmb welcher willen ich leb ohne Rast vnd Ruh.

Du Venus auch die du auff deinem gülden Wagen

Anchisen schmertzlich suchst laß ab von deinem jagen

Halt doch ein kleines nur die Turteltauben an

Biß ich dir meine Noth vnd leyden klagen kan

Denn ich vor deinen Thron muß schütten meine Zehren

Weil dein vntrewes Kindt die Hand will von mir kehren

Vnd hört mein Weynen nicht ob gleich Wald Berg vnd Thall

Von meiner hellen Stimm erschallen vberal.

Ich wüth ich tob ich schrey schweiff vmb an allen enden

Ich renne wie ein Hirsch der auß deß Jägers Händen

Entschlüpffet tödtlich ist mit einem Pfeil versehrt

Vnd zittert vnd erbebt so offt er rauschen hört

Die Blätter an dem Baum vermeynt deß Jägers Bogen

Sey hinder jhm noch her vnd wirdt zur flucht bewogen

Vnd fleucht da niemandt ist der jhm den Todt anthue

So eil ich auch nach hülff so tracht ich auch nach ruh

Daß ich doch einmahl könn abkommen meiner Wunden

Die kein Mensch heilen kan als bey der ich sie funden

Daß ich doch einmahl könn erlöschen meine Pein

Der niemandt helffen kan als eine nur allein.

O grimmige Jungfraw Princessin meiner Sinnen

Kan euch dann meine Bitt vnd Seufftzen nicht gewinnen

Mein vngestalte Farb vnd bleiches Angesicht

So auch noch jetzundt ist von Thränen trucken nicht?

Kanstu noch meine Klag anhören ohne Weinen?

Kanstu so vnbewegt in meiner Noth erscheinen?

Viel härter schätz ich dich als Eysen oder Stein

Von einem Tigerthier mustu geboren sein.

Daß in die Augen doch nicht die Natur geschrieben

Die grosse grausamkeit damit du mich getrieben!

Daß sie doch die gestallt mit milde mehr begnügt

Als wol das Hertz so dir in deinem Busen ligt.

O liebliches Gesicht so mich zu sich gezogen!

O klarer Augenglantz der mich so sehr betrogen!

Wer hette doch gedacht daß solcher falscher schein

In diesem schönen Bild verholen solte sein!

Wer hette doch geglaubt wer hette dörffen sorgen

Daß diese weisse Brust trüg ein solch Hertz verborgen

Mich dauchte wie jhr auß den Augen Nectar rann

Als sie zu erste mich so fre

Mich daucht es solten mich die Götter selber neyden

Es war doch nur mein schertz es war mein höchstes leyden

O freundliches Gesicht durch dich bin ich verwundt

Ists dann nicht recht daß ich durch dich auch sey gesundt?

Bistu so zornig dann daß ich mich so verstiegen

Gunst deiner trefflichen Vollkommenheit zukriegen?

Weit fleucht es zwar; doch weil es Fewer ist allein

Kan es dem Himmel leicht zu nahe kommen sein.

Ich weiß gar wol mein Lieb will hoch mit jhren dingen

Vnd ich begehre das so schwerlich abzubringen;

Doch wirstu Venus selbst mir leichte stehen bey

Daß meine Liebe wol der schönheit würdig sey:

So viel als mich belangt mein hohe grosse Sinnen

Nichts als was Himmlisch ist rechtschaffen lieben künnen

Wann ich ja fallen soll so soll mein fall doch sein

Von niergendt her als von dem Himmel nur allein.

Bistu mir hierumb feind so will ich doch nicht lassen

Dir Ehr vnd Gunst zuthun ob du mich schon wirst hassen

Biß sich dein harter Sinn noch endlich zu mir kehrt

Rechtschaffen lieben ist wol gegenliebe werth.

O werdeste Jungfraw O schönste aller schönen

Laß mein demütig Hertz sich doch mit dir versöhnen

Empfahe meine Gunst daß ich dich würdig acht

In deiner Liebe Band zugeben meine macht.

Im fall so doch dein Sinn wirdt vnbeweglich bleiben

So will ich allezeit mein trawrig klagen treiben

Mit weynen will ich noch vollenden meine Noth

Hilfstu mir endtlich nicht so hilfft mir doch der Todt.

So geh ich also nun in einsamkeit alleine

Vnd niemandt höret zu wie ich so sehnlich weine

Als jhr Göttin allein die jhr noch seyt betrübt

Vmb deß Narcissus fall in welchen jhr verliebt

Als er (o harter Sinn) so schändtlich euch verschmähet

Flog in den Wald auff daß er nicht würd außgespehet

Da dann sein schöner Leib den Echo hat begehrt

In eine Wiesenblum elende ward verkehrt.

Ich seufftz O Echo noch vmb deiner Liebe willen

Drumb hilffstu mir jetzt auch mein Klagelied erfüllen

Daß ich mein helle Stimm erheben kan so sehr

Biß daß der Himmel auch mein Klagen selber hör.

Dann mitten in dem Saal da alle Götter leben

Da steht der Venus Krug von Jupiter gegeben

Darein jhr kleines Volck das Thränen Wasser geust

So auß der weiten Bach der Buhler Augen fleust.

Von deinet wegen werd ich dieses auch gewinnen

Du strenge Meisterin du Zuchthauß meiner Sinnen

Das ist der reiche Trost so mich zu frieden stellt

Von Mannes Augen kein vergeben Tropffen fellt.

Vnd der so vnser Hertz hat gantz in seinen Händen

Cupido der es kan wohin er nur will wenden

Ist nicht der art daß er die welche mit Gedult

Ihm Leben vnderthan so grausam quelen solt.

Es ist doch meine schuldt mir muß ich es zumessen

Was ich einmahl gelehrnt kan ich nun nichtvergessen

Ach daß ich mir doch je zu Sinn gezogen hab

Ich würde diesem Band so leichtlich kommen ab.

Das krieg ich nun zu Lohn ich muß gar stattlich büssen

Daß ich mir fürgesetzt behend mich außzuschliessen

Vn wolte die von mir abweisen gantz vnd gar

Die doch schon hart vnd fest in mir verschlossen war.

Es ist ja gantz vmbsonst wohin ich mich thu wenden

Seh ich der Liebsten zier an allen ort vnd enden

Wann kaum der helle Tag zu Morgens tritt heran

Wann kaum

So schnell kan mein Gesicht die Stralen nicht erreichen

Daß ich den klaren schein alsbald nicht solt vergleichen

Mit meiner Freundin Haar so an der Stirn anhebt

Vnd vmb den schönen Halß vnd zarte Wangen schwebt

Kompt dann die Sonn herfür wenns auffgehört zu tagen

Vnd leuchtet durch die Lufft mit jhrem Fewerwagen

Das Liecht so jedermann erquicket vnd erfrewt

Vervrsacht mich zu schmertz vervrsacht mich zu leydt.

Was soll mir doch die Sonn ohn meines Hertzens Sonne?

Was soll mir doch das Liecht ohn meines Lebens Wonne?

Ach möcht ich einen Blick von jhr empfahn allein

Ich wolte williglich ohn’ andre Sonne sein.

Wann ich die Bäum anseh mit außgestreckten Zweigen

Vnd wie die äste sich so schön zusammen beugen

Vnd gleichsam wie vmbfahn; bald kommen mir in Sinn

Die außgestreckten Arm der liebesten Freundin;

In welchen offt mein Hertz von Sorg vnd Trost bestritten

Jetzt sich gefrewet hat jetzt Todesangst erlitten

Wann sie durch jhr Gesicht geraubet meinen Geist

Vnd durch den Athem auch jhn wider heimgeweist.

Hör ich den külen Wind in dem Gepüsche brausen

Mit lüfftigem Gereusch vnd durch die Blätter sausen

Bedenck ich wie sie offt mit höchster Zierligkeit

Der Bulerischen Red hat mein Gemüth erfrewt.

Seh’ ich mit jhrem Glantz herfür die Blümlein schiessen

So balde kan ich nicht auch deß Geruchs geniessen

Daß mir der Athem nicht einkomm von jhrem Mundt

Der mich zugleiche todt kan machen vnd gesundt.

Seh’ ich wie sie so schön an Farben sind gezieret

Wie die Natur sie so außbündig wol formiret

Erjnnert sich zugleich mein Hertz auch auff der statt

Der Röte so mein Lieb in jhren Wangen hat.

Seh’ ich die hohen Berg vnd Hügel in der Wüsten

So ist der edele Parnassus jhrer Brüsten.

Seh’ ich dann in das Thal vnd blancke weite Feld

Das Thal der zarten Schoß wirdt mir wie fürgestellt.

Wann ich die Nachtigall mit hellem schall hör fliegen

Hin in die hohe Lufft so laß ich mich betriegen

Vnd meyne daß im Wald mein Lieb verborgen sey

Vnd stimme frölich an die schöne Melodey.

So lieb ich festiglich vnd bin bereit zusterben

Vnd schmeltze wie der Schnee dens Fewer thut verderben

Drumb werden mich gewiß die Nymfen also bald

Begraben nach dem Todt in diesem grünen Wald

Die zarten Najades sein schon hinweg vnd holen

Zu frischen Kräntzelein viel Rosen vnd Violen

Sie nehmen vberal die schönsten Blumen ab

Zu ehren meiner Leich zu ehren meinem Grab:

Darauff dann stehen soll mit jhrer Hand geschrieben:

Hier ligt der zugebracht sein Leben hat mit lieben

Mit lieben die Jungfraw so allzeit jhn geplagt

Vnd ist doch endtlich noch gestorben vnbeklagt.