Fuge, tace, quiesceOderGlücklicher todes-kampff der seligen Frauen von Meinders/...

By Benjamin Neukirch

Written 1697-01-01 - 1697-01-01

Wir arme sterblichen wir haben aug' und licht

Und dennoch fliegen wir wie mutten ins verderben.

Wir fühlen wenn der todt uns das genicke bricht

Nicht aber allemahl wann unsre seelen sterben.

Wir riechen zwar das grab doch nicht die seuchen an;

Wir schmecken nur das gifft nicht aber seine lehren:

Ja da wir den Galen als einen gott verehren

So wird dem Moses offt das ohre zugethan:

Und also sterben wir vor an verstand und sinnen

Eh unsre lippen schnee die glieder eiß gewinnen.

Daher entspringt die furcht des Dionysius

Wenn er sein leben nicht will weib und kindern trauen;

Der irrthum daß Tiber die jahre Priamus

Mecän sich lieber arm als sterbend wünscht zu schauen.

Daß Brutus wie ein bär nach fremdem blute steigt

Sich selbsten aber nicht zum tode kan entschliessen.

Ein Xerxes thränen läst um seine völcker fliessen

Weil ihre sterblichkeit ihm etwan seine zeigt

Und Massanissa sich mit grimmigen Molossen

Wie Nero seinen leib mit deutscher macht umschlossen.

Ach aber thörichte! was seyd ihr doch bemüht

Diß krancke lazareth auff erden rum zu tragen

Daß aussen zwar die kunst mit scharlach überzieht

Von innen aber gram und faule würmer nagen?

Es braucht nur einen tag uns in die trübe welt

Und wieder aus der welt in himmel zu versetzen.

Der kennet die natur mit allen ihren schätzen

Der nur ein eintzig jahr auff erden taffel hält;

Und wer den untergang von Troja hat gelesen

Der weiß auch was die pracht der gantzen welt gewesen.

Man falle wie man will durch pulver oder bley

Man sterbe mit Hostil von donner oder blitzen;

Man bring uns siedend ertzt und schweffel-suppen bey

Und laß uns in der glut wie den Perillus schwitzen;

Rom sinne neue qual Carthago martern aus

Der stoltze Sylla mag auff seinen hencker pochen

Die Japonesen gifft und saure träncke kochen;

Es ist doch alles eins ob dieses knochen-hauß

Durch wasser oder feur früh oder spät verdirbet

Wenn unsre seele nur nicht mit dem leibe stirbet.

Hier aber wancket offt die nadel der vernunfft;

Es ist nicht gleiche kunst zu sterben und zu leben.

Die Celten glaubten auch der seelen wiederkunfft

Die sie zuweilen doch für wein und gold gegeben.

Der kühne Curtius springt willig in das grab

Die Decier mit lust in ihrer feinde degen:

Saul will sich lieber selbst als seinen scepter legen;

Doch deren keiner nimmt an der erfahrung ab

Daß wenn die sünde ruhm die natter kinder bringet

Hier insgemein der leib und dort die seele springet.

Diß hat vorzeiten schon die kluge welt bedacht

Wenn Plato Gott und mensch zusammen lehrt verbinden.

Pythagoras die lust zu wilden thieren macht

Und Zeno sich bemüht das höchste gut zu finden.

Die schrifft hat folgends sie darinnen ausgeübt;

Gott aber kan es uns mit dreyen worten lehren

Wann er Arsenium läst diese stimme hören:

Fleuch schweige still und ruh! denn wer den himmel liebt

Der muß die sünden fliehn im creutze stille schweigen

Und eher als Gott winckt nicht in die grube steigen.

Ihr die ihr geld und gut vor eure götter schätzt

Aus manna wermuth macht den honigseim verbittert

Die ordnung der natur aus ihren schrancken setzt

Und wie ein pappel-strauch vor iedem winde zittert;

Die ihr mit lehren schertzt an worten zweiffel tragt

Kommt und eröffnet hier die augen des verstandes!

Diß todte frauen-bild diß muster dieses landes

Das unser hoff so sehr als ihr gemahl beklagt

Wird euch und eurer furcht am allerbesten weisen

Wie man aus dieser welt muß in den himmel reisen.

Ihr erster lebens-tag trat voller freuden ein

Der frühling mischte selbst die nelcken ihrer wangen;

Die glieder schienen klee die lippen thau zu seyn

Von dem die bienen milch die schnecken perlen fangen.

Was Rahel an gestalt an sitten Esther war

Das zeigte hier der glantz von ihrem angesichte

Das wie der morgen-stern mit seinem frühen lichte

Uns allen sonnenschein ihm aber ruhm gebahr.

Kurtz: Mund und hertze wieß gleich wie ihr stamm der erden

Daß keine nessel kan aus einer rose werden.

Inzwischen kam der tod einst bey gewölckter nacht

Als wie ein marderthier in ihr gemach gekrochen

Als gleich diß engel-bild in einen traum gebracht

Und ihrer augen licht vom schlaffe war gebrochen;

Er sah sie lange zeit mit steiffen augen an

Ha! sprach er endlich drauff was thränen werd ich kriegen

Wenn dein erblaßter leib wird in dem grabe liegen?

Das seine schönheit schon so vielen auffgethan;

Denn eltern wollen doch mit adlern eh' verderben

Als ihre kinder sehn in ihrem schoosse sterben.

Doch nein! ich irre mich ich irre fuhr er fort

Mein amt ist nicht allein auff erden fleisch zu fressen.

Ein allzu früher sturm führt manchen an den port

Der sonsten noch vielleicht hier würde Gott vergessen.

Bey heyden hab ich nichts als ihre leibes-krafft

Bey Christen aber auch die seele zu bestreiten:

Drum muß ein Absolon vor in die hölle gleiten

Eh' mein erhitzter zorn ihn von der erden rafft.

Auff mutter rüste dich erscheine deinem kinde!

Denn was der tod nicht kan vollführet doch die sünde.

Diß hatt er kaum gesagt so ließ die schlangen-brut

Die tochter Lucifers die sünde sich erblicken;

Ihr angesicht war gifft die lippen drachen-blut

Die armen schneidend stahl die füsse bettler-krücken.

An ihrem halse hieng ein dünnes zauber-glaß

Mit dieser überschrifft: durch lügen und betriegen.

Die brust war kaum zu sehn vor einem hauffen fliegen

Der mit der grösten lust von ihrem eyter fraß:

Von hinten folgten zwar der glaub und das gewissen;

Doch beyden waren auch die augen ausgerissen.

Hier hast du liebster sohn sprach dieser höllen-brand

Die diener deines staats die satan dir erkohren

Nachdem er dich aus mir mich aber sein verstand

Wie vormahls Jupiter Minerven hat gebohren.

Indem so jagte sie die fliegen in die höh

Und sieh! den augenblick ward eine zur Megeren

Die andern kehrten sich in rasende Chimeren

So wie ihr gantzer kopff in eine feuer-see:

Viel aber sah man auch an gliedern und geberden

Wie den Lycaon einst zu thier und wölffen werden.

Erschrick nicht bließ sie drauff ihm in die ohren ein

So sind die laster nur dem wesen nach gebildet:

Itzt aber solstu sehn wie dieser zauber-schein

Sie wieder durch den glantz als engel übergüldet.

Hierauff verdrehte sie den spiegel in der hand

Und spritzte siebenmahl aus ihrem faulen rachen:

Gleich überwurffen sich die ungeheuren drachen

Und traten ingesammt wie kinder an die wand:

Die wölffe machten sich zu angenehmen frauen

Und in Megera war Medusa selbst zu schauen.

Aurora ist so schön bey frühem morgen nicht

Wenn sie die tropffen noch von ihrem purpur schüttelt;

Nicht Ledens schwanen-kind wann es die schalen bricht

Und der verliebten welt witz und verstand zerrüttelt

Als diese furie nach ihrem wechsel schien:

Die augen brandten ihr wie zwey erhitzte sonnen

Die glieder hatten selbst narcissen übersponnen

Die wangen färbten sich wie spanischer jasmin

Von unten aber war auff einer feuer-flammen

Die kurtze schrifft zu sehn: Lust und verlust beysammen.

Gleichwohl kam ihre pracht nicht denen andern bey

Die als 2 Gratien ihr gegenüber stunden:

Denn eine hatte gar mit rother liberey

Den thurn von Babylon auff ihren kopff gebunden

Aus dem ein trüber rauch mit diesen worten fuhr:

Je weniger ich bin je höher will ich steigen.

Der zierath ihrer brust war von corallen-zweigen;

Denn dieses kraut und wir sind einerley natur;

Weil seine rancken bloß von kühler lufft der erden

Wir durch den hochmuths-wind zu harten steinen werden.

Die andre übertraff das gantze Morgenland

Durch ihren kleider-schmuck an perlen und rubinen:

Die schuh bedeckte gold die stirne diamant

Die haare muste Rom mit puder sebst bedienen;

Der mund stieß einen dampff von amber-kugeln aus

Zur seiten aber stund ein tisch von helffenbeine

Und neben dem ein faß mit Syracuser weine

Die speise selber war ein grosses zucker-hauß

Ein Indisch vogel-nest und eine Scarus-leber

Mit dieser überschrifft: Der seelen todten-gräber.

Hier siehstu (fieng indem die sünde wieder an)

Drey frauen lieber sohn die alle welt bethören:

Die erste zeiget ihr der wollust süsse bahn;

Die andre ist der geist der hoffart und der ehren;

Die dritte wohnet meist der reichen jugend bey

Und läst dem nahmen nach sich die verschwendung nennen:

Die kinder geben dir hingegen zu erkennen

Daß jede missethat klein und verächtlich sey

Biß hölle furcht und tod das rechte bild gebähren

Und ihren mücken-kopff in elephanten kehren.

Diß sagte sie und flog als wie ein blitz davon

Die kinder folgten ihr die frauen aber blieben

Und einer ieden ward durch ihren dürren sohn

Ein gantzer zettel voll zu schaffen vorgeschrieben.

Die erste probe nahm die wollust über sich

Allein ihr witz bestund wie butter an der sonne:

Denn unsre selige schlieff voller lust und wonne;

Weil Gottes engel nicht von ihrer seiten wich

Und alles was diß weib an träumen nur erdachte

Wie warme lufft den schnee zu schaum und wasser machte.

Der morgen zeigte kaum das lichte rosen-tuch

So fieng das zauber-aß schon wieder an zu spücken:

Denn bald versuchte sie durch ein verliebtes buch

Bald durch ein nacktes Bild die seele zu berücken;

Bald bließ der ärmsten sie die falsche lehren ein:

Die jungfern wären ja von fleisch und blut erschaffen

Die tugend aber nur ein blinder traum der pfaffen

Die weder Gott noch mensch noch engel wolten seyn.

Viel hätten sich daran zu tode zwar geschrieben;

Doch wär ihr hertze stets bey schönen weibern blieben.

Diß pfiff der seligen die schlange täglich für.

Allein ihr guter geist rieff allemahl dagegen:

Fleuch! Leonore fleuch! denn wollust und begier

Sind jäger die der welt vergüldte stricke legen.

Von forne beut ihr mund zibet und zucker an

Von hinten stechen sie wie falsche scorpionen.

Die blumen ihrer lust sind weisse liljen-kronen

Die wurtzel aber schmeckt wie bittrer majoran

Die frucht wie honigseim der nur den mund verführet

Und doch im magen nichts als gall und gifft gebiehret.

Und also blieb ihr hertz von aller regung frey

Biß glück und himmel sie an ihren Meinders bunden.

Inzwischen hatte sich das kind der phantasey

Die hoffart in den platz der wollust eingefunden.

Ihr gantzes reden war: Ein feuer müste licht

Ein grosser seine macht auch in geberden weisen.

Die bürger hätte Gott aus grobem bley und eisen

Des adels hohen geist von golde zugericht;

Drüm wüsten jene sich so wohl in krumme rücken

Und diese wie ein leu zum herrschen nur zu schicken.

Hingegen wandte gleich ihr engel wieder ein:

Fleuch! Leonore fleuch! Denn ehre stand und adel

Sind ohne demut das was lampe ohne schein

Granaden ohne kern Compaße sonder nadel.

Gott hat ihm Sions berg und keinen Apennin

Den kleinen David nur nicht riesen auserlesen

Der allererste mensch ist staub und koth gewesen

Zur lehre: daß er stand und kronen solte fliehn;

Nachdem er aber Gott und die vernunfft verlohren

Hat er den adel zwar doch auch den tod gebohren.

Was hilfft es? fuhr er fort daß man die halbe welt

Mit Alexandern kan in seinem titul tragen?

Je näher man den geist zur sonnen-kugel stellt

Je weiter muß man sich auch in den donner wagen.

Gelück und ehre sind auff erden kinder-art:

Sie geben gerne viel und nehmen gerne wieder:

Der anfang ihrer lust sind halleluja-lieder;

Das amen aber ist mit weh und ach gepaart:

Denn eh die wind ein rad wir eine hand umtreiben

Kan Gott auff ihre lust schon Mene Tekel schreiben.

Nachdem der hoffart nun der bogen auch zerbrach

Trat die verschwendung auff den fehler zu ersetzen.

Was brauchstu sagte sie der stoltzen ungemach

Die wie die blasen sich am winde nur ergetzen?

Der ist der gröste fürst der viel bezahlen kan.

Denn gold und reichthum sind der ehre käyser-kronen

Wo diese Götter nicht in einem hause wohnen

Da schreibt die gantze welt verachte titel an.

Drum zeige wer du bist im speisen und im kleiden:

Denn sterne muß der glantz die menschen silber scheiden.

So artig wissen uns die laster ihren gifft

Gleichwie ein panther-thier den rachen zu verdecken;

Gott aber und sein geist beweisen aus der schrifft

Daß tod und schlangen auch in paradiesen stecken.

Zwar schätze könten ja wie feuer nutzbar seyn:

Nur aber wo sie knecht nicht wo sie herren würden.

Denn hirten schlieffen eh bey dürren schäfer-hürden

Als ein verschwendisch hertz bey tausend kronen ein.

Und wenn sich Lazarus auff rosen liesse wiegen

Säh man den reichen mann erst unter dornen liegen.

Hier strich die selige den dampff der eitelkeit

So wie der morgen uns den schlummer aus den augen;

Was buhlt man (sagte sie) doch gütern dieser zeit

Wenn wir aus gelde gifft aus perlen armuth saugen?

Bezaubert durch den glantz ihr schätze wen ihr wollt;

Speist den Empedocles mit ochsen von gewürtzen;

[Last einen Nero sich in milch und balsam stürtzen]

Es ist doch bettelwerck um menschen und um gold:

Denn beyde kommen nur von einem klumpen erden

Und beyde müssen auch zu staub und asche werden.

Wie der Chamäleon wenn er vor eyfer bebt

Und durch den speichel hat die schlangen überwunden

Alsdenn der augen licht zur sonnen auffwärts hebt

Ob hätt er seine krafft in dieser glut gefunden;

So sah ihr geist hierauff auch Gott und himmel an

Und sprach: du feuer-brunn des ewigen verstandes

Du dämpffst durch deinen strahl den nebel unsers brandes

Und kanst alleine thun was ich nur wollen kan.

O Herr erleuchte mich und lehre meine sinnen

Diß eine! daß sie dich und Christum lieb gewinnen.

In diesem stande nun fand der ergrimmte tod

Bey seiner wiederkunfft das lager ihrer seelen;

Wie? schrie er weiß man hier von keiner höllen-noth

Und herrscht der himmel noch in dieser bettel-hölen?

Verschmitzte furien beweiset eure that.

Was aber müh ich mich? mein wüten ist vergebens.

Ein frommer tadelt stets den zucker dieses lebens

Der in dem hause selbst noch keine myrrhen hat:

Doch dürfft ich einmahl nur am leibe sie versuchen

Was gilts sie solte Gott in sein gesichte fluchen.

Gott (rieff der engel drauff) hat dieses auch erlaubt.

Den augenblick verschwand das feuer ihrer glieder;

Die nerven wurden matt und ihrer krafft beraubt

Die füsse suncken so wie schwache blumen nieder.

Und also lag nunmehr diß wunderwerck der welt

Als wie ein marmel-fels in den die donner schlagen:

Gleich wie ein ceder-baum der wenn er frucht getragen

Des abends durch den stoß der winde niederfällt.

Der tochter hatte sie durch die geburt das leben

Ihr selber unvermerckt den halben todt gegeben.

Wer weiß was für ein schatz in der gesundheit steckt

Wer von der ungedult des Polemons gelesen

Wie er lebendig sich mit erde zugedeckt

Womit er sterbend nur von seiner gicht genesen

Wer glaubt was Heraclit was Chiron hat gethan

Der kan ihm leicht ein bild von ihrem hertzen machen.

Es wanckte wie ein mensch auff einem engen nachen

Den weder hand noch müh vom sturme retten kan.

Bald seufftzte sie zu Gott bald ließ sie was verschreiben;

Doch beydes war umsonst sie muste lahm verbleiben.

Und damit stellte sich nun die verzweifflung ein

Und bließ ihr nach und nach den kummer in die ohren:

Der himmel fragte nichts nach ihrer schweren pein

Und hätte sie vielleicht zur straffe nur gebohren.

Denn Gott erhörte ja die seinen in der noth

Er trüge selber sie wie kinder auff den händen:

Das gute wüst' er zu- das übel abzuwenden

Und keiner fiele hier durch sünden in den todt

Den nicht sein strenger zorn eh noch die that geschehen

Schon hätte längst vorher zur höllen ausersehen.

Auff die verzweiffelung kam schmertz und ungedult

Und sprach: gesetzet auch daß dich der himmel liebet

Daß du wie Hiob nicht die ruthen hast verschuldt

Daß dir der glaube trost das ende hoffnung giebet:

Wie aber wilstu wohl die grosse last bestehn?

Dein elend kan vielleicht noch 50 jahre währen:

Inzwischen must du dich gleich wie ein wurm verzehren

Und täglich seuffzend auff- und weinend niedergehn.

Drum segne Gott und stirb! denn solche schwulst und beulen

Muß wie den kalten brand nur stahl und messer heilen.

So schwatzte fleisch und blut; iedoch ihr treuer geist

Rieff allemahl zugleich: Schweig! liebe Leonore:

Denn wer im leben hier die strasse Sodoms reist

Trifft selten wenn er stirbt den weg zu Salems thore.

Ein iedes element der himmel und die welt

Sind ihrer ordnung nach mit der natur zu frieden.

Der blinde mensch allein will neue lehren schmieden

Und tadelt was ihm Gott zur regel fürgestellt.

Bald ist ihm sonnenschein bald schnee und wind zu wider

Bald wirfft ihn seine pracht bald der verlust darnieder.

Ach aber! fuhr er fort ihr klagt und wisset nicht

Verkehrte sterblichen was eurer wohlfahrt dienet:

Die beste salbe wird von schlangen zugericht

Und keine rebe nutzt die ohne thränen grünet.

So muß ein frommer auch durch sorgen und durch pein

Wie rostiges metall im feuer sich verklären:

Beym glücke muß er nichts als zweiffel nur gebähren

Im creutze voller trost und voller hoffnung seyn.

Denn einen Moses kan nicht sturm und welle schwächen

Ein Eli seinen halß auch auff dem stule brechen.

Durch dieses ward ihr hertz so wie ein mandel-baum

Von thau und warmer lufft mit neuer krafft erfüllet:

Drum hielt sie schmertz und leid vor einen blossen traum

Der wenn die nacht vergeht auch allen kummer stillet;

Doch als sie 19 jahr nach ihrer seelen-ruh

Nicht anders als ein weib in der geburt gestehnet

So gab der himmel ihr wornach sie sich gesehnet

Und rieff ihr endlich auch den letzten willen zu.

Und damit legte sie den schwachen cörper nieder

Und sang nach schwanen-art noch diese sterbe-lieder:

Mein Meinders gute nacht! wir haben obgesiegt.

Dein unglück scheidet nun auff einmahl von der erden.

Durch mich ward ehermahls dein treues hertz vergnügt

Durch mich hat seine lust auch müssen wittbe werden.

Itzt bricht der süsse todt die lange finsterniß

Das licht ist mir und dir auff einen tag erschienen.

Du solt noch in der welt und ich im himmel grünen:

Drum weine nicht mein schatz um diesen liebes-riß.

Denck aber wenn du noch wirst meinen nahmen lesen

Daß ich zwar elend bin doch auch getreu gewesen.

So sagte sie und gab der erden gute nacht:

Ihr engel aber trug die seele nach dem himmel.

Denselben augenblick ward alles zugemacht;

Das hauß erfüllte sich mit einem traur-getümmel;

Wie aber stellte sich der blasse höllen-geist?

Gleich wie ein tiegerthier dem man die jungen raubet;

Wie ein erzürnter leu der in dem felde schnaubet

Wann man den morgen-raub ihm aus den klauen reist.

Doch endlich gieng er auch wo geister hingehören

Und schrieb nur an die wand noch diese sittenlehren:

Ihr blinden sterblichen laufft für dem tode nicht!

Ihr selber seyd der tod und mörder eurer seelen:

Ihr werdet weil ihr lebt nicht wann ihr sterbt gericht:

Die sünden sind die grufft und nicht die grabes-hölen.

Drum sterbet eh ihr sterbt und lebet eh ihr lebt;

Denn todt und leben wird nach eurem abgemessen.

Der scheinet euch nur tod den schlang und würmer fressen;

Der aber ist schon tod den seine lust begräbt.

Ich habe keinen theil an dieser neuen Leichen.

Ihr mögt ihr wie ihr wollt die letzte pflegung reichen.

Diß alles ist geschehn der cörper ist versenckt

Und in die kalte grufft mit ehren beygesetzet.

Wie kommts denn daß ihr euch bey ihrem glücke kränckt

Betrübte die sie doch bey ihrer qval ergetzet?

Soll sie noch länger hier auff erden elend seyn?

Soll sie noch einmahl sich vom tode martern lassen?

Ach! gönnet andern diß die Gott und himmel hassen

Und stimmet itzt mit mir in diese lieder ein:

Wohl iedem welcher so wie Leonora fliehet

Wie Leonora schweigt wie Leonora blühet!