Gebet

By Emanuel Geibel

Written 1833-01-01 - 1833-01-01

Herr, in dieser Zeit Gewog',

Da die Stürme rastlos schnauben,

Wahr', o wahre mir den Glauben,

Der noch nimmer mich betrog,

Der noch sieht in Nacht und Fluch

Eine Spur von deinem Lichte,

Ohne den die Weltgeschichte

Wüster Greuel nur ein Buch;

Daß, wo trostlos unbeschränkt

Dunkle Willkür scheint zu spielen,

Liebe doch nach ew'gen Zielen

Die verborgnen Fäden lenkt;

Daß, ob wir nur Einsturz schaun,

Trümmer, schwarzgeraucht vom Brande,

Doch schon leise durch die Lande

Waltet ein geheimes Baun;

Daß auch in der Völker Gang

Wehen deuten auf Gebären,

Und, wo Tausend weinten Zähren,

Einst Millionen singen Dank;

Ja, daß blind und unbewußt

Deiner Gnade heil'gen Schlüssen

Selbst die Teufel dienen müssen,

Wenn sie tun nach ihrer Lust.

Herr, der Erdball wankt und kreißt;

Laß, o laß mir diesen Glauben,

Diesen starken Hort nicht rauben,

Bis mein Geist dich schauend preist!