Gedancken/ Vber den Kirchhoff vnd Ruhestädte der Verstorbenen
Written 1640-01-01 - 1640-01-01
Wo find ich mich? ist diß das Feld
In dem die hohe Demuth blühet?
Hat Ruh' Erquickung hier bestellt
Dem der sich für vnd für bemühet?
Der heisser Tage strenge Last
Vnd kalter Nächte Frost ertragen?
Vnd mitten vnter Ach vnd Klagen
Sorg Angst vnd Müh auff sich gefast.
Wo find ich mich! hier sind die Beet'
Die in dem schwangern Schoß verstecken
Was dessen milde Faust auß-seet
Der Tod vnd Leichen auff-kan-wecken
Mir graut vor aller Gärte Zier!
Weicht ihr Hesperier! ich achte
Nichts was der Med' vnd Babel brachte
Den schönsten Garten schau ich hier.
Ob mein Geruch hier nicht den Dampff
Von Roß' vnd Jelsemin empfindet:
Ob keiner Tulpen Art' hier Kampff
(Trotz Farben!) der Natur ankündet:
Ob diß nicht wol gebaute Land
Mit keinen Granadillen pranget:
Doch trägt es wornach mich verlanget
Vnd Welt-gesinnte nie erkand.
O Schul in der die höche Kunst
Vns sterblichen wird vorgetragen!
In der nicht Blätter voll von Dunst
Kein Buch voll Wahn wird auffgeschlagen!
Wie vbel hab ich meine Zeit
In lauter Eitelkeit verschwendet!
Wer seine Stunden hier anwendet
Erlernt den Weg der Ewigkeit.
O Schul! ob der was in der Welt
Vor klug geachtet; sich entsetzet!
Die was verpicht auff Ehr vnd Geld
Vor mehr den höchst-erschrecklich schätzet
O Schul! ob der der Seelen graut
Die alles weiß ohn was Gewissen:
O Schul! ob welcher Zittern müssen
Die mehr auff Stahl als Recht getraut.
O Schul! ob welcher den die Haar
In kaltem Schweiß zu Berge gehen
Die nahe letztem Ziel der Jahr
Doch näher tollen Lüsten stehen.
O Schul! ob welcher dem die Bein
Vnd die durcheisten Glieder schüttern
Dem bey den überhäufften Güttern
Kein Gott ging in den Glauben eyn.
O Schul! Ich Komme voll begier
Die wahre Weißheit zu ergründen!
Durchforsche mich du wirst bey mir
Ein munter Ohr vnd Auge finden!
Was mich ie Socrates gelehrt
Hält ja nicht Stich: der Stagirite
Vorfällt itzt gantz! der weise Scythe
Wird nun auff keinem Stull geehrt.
Wer aber ists der mir erklär
Was ich zu lernen mich bemühe?
Vnd der die Gründe mir bewehr?
Vnd feste Schlüsse darauß ziehe?
Wiel hier die Einsamkeit allein
Diß angenehme Werck verrichten?
Vnd alle meine zweifel schlichten?
Die mich vmbstrickt? O nein! O nein!
Wie wird mir! wackelt nicht der Grund
Auff dem ich steh'! rauscht ihr O Linden?
Wie! reist die Erd auff ihren Schlund!
Vnd läst die Wurtzeln sich entbinden.
Hör ich das rasseln dürrer Bein?
Hör' ich ein heischer-Menschlich brausen?
Hör ich der Suden holes Sausen?
Waltzt ihr euch ab ihr schweren Stein?
Ich seh vnd starr! ein kaltes Eiß
Befröstet Adern Hertz vnd Lungen!
Von beyden Schläffen rinnet Schweiß
Mein Leib wird auff den Platz gezwungen.
Das gantze Feld ist eine Grufft
Vnd alle Särge stehn entdecket
Was vor Staub Ziegel Kalck verstecket
Vmbgibt die allgemeine Lufft.
O letztes doch nicht festes Haus!
O Burg darinn wir vns verkrichen!
So bald deß Lebens Zeiger auß
Vnd dieser Wangen Roß' erblichen
Palast den einig vns die Welt
Auff immer zu besitzen bauet
Die offt doch was sie vns vertrauet
Erbricht vnd in dem Grab' anfällt
Du warest ja vorhin in Zihn
Vnd du in Kupffer eingeschlossen!
Vnd du nicht ohne viel bemühn
Mit lauter dichtem Bley vmbgossen.
Man sparte nichts was teur vnd groß
Als dieser (wie mich noch gedencket)
In Gold vnd Marmor eingesencket;
Wie find ich euch denn alle bloß?
Ach! Geitz vnd Gri i hat in die Nacht
Deß tunckeln Grabes sich gewaget
Vnd ins erblaste Licht gebracht
Wornach mein traurend Forschen fraget.
Es hätte keine Rauber-Hand
Entseelten eure Ruh' erbrochen;
Wenn ihr die abgeleb'ten Knochen
In Holtz vertraut dem schlechten Sand.
Doch gehen auch die Cedern eyn!
Die faulen Kiefer-Bretter weichen
Kein' Eiche wird hier ewig seyn
Sie muß ihr Grab im Grab erreichen.
Was schätzt ihr denn die leichte Ficht?
Die Fugen spalten vnd zerknallen
Die engen Todten-Hütten fallen
Wie fest ihr klammert vnd verpicht.
Hilff Gott! die Särge springen auff!
Ich schau die Cörper sich bewegen
Der längst erblasten Völcker Hauff
Beginnt der Glieder Rest zu regen!
Ich finde plötzlich mich vmbringt
Mit durch den Tod entwehrten Heeren
O Schauspiel! das mir heisse Zehren
Auß den erstarten Augen dringt!
O Schauspil! ob dem mich die Welt
Vnd was die Welt hoch schätzt anstincket!
Ob dem mein Hochmuth nieder fällt
Vnd Muth vnd Wahnwitz gantz versincket!
Sind diese die die vnser Land
Beherrscht getrotzt gepocht geschätzet!
Die Dolch vnd Spiß vnd Schwerdt gewetzet
Die stets gedruckt mit Stahl vnd Brand?
Sind diese die die Gottes Hertz
Erweicht mit Seufftzen-reichem Beten?
Die (Trotz dem jammerschwangern Schmertz!)
Vor sein erzörnt Gesicht getreten.
Die nichts denn ihre Schuld beklagt?
Ob Schätz vnd Gütter gleich verflogen
Ob Angst ihr Blutt vnd Marck durchsogen
Vnd den geklemten Geist zernagt.
Sind diese die die Scham vnd Zucht
Vnd das entweyhte Recht verjaget?
Die was deß Himmels Zorn verflucht
Auß seiner Hell ins Licht vertaget?
Die Schand auff Laster Pest auff Gifft
Auff Frevel Rach vnd Mord gehäuffet
Die in den Abgrund sich verteuffet
Auff die itzt Blitz vnd Donner trifft?
Sind diese die die kleine Lust
Der Lüster-reichen Zeit beflecket
Den die in Lieb entbrante Brust
Deß Höchsten reiner Geist entstecket?
Die vmb das Lamb ein Freuden-Lied
Das nicht ein ieder lernnt vorbringen
Vnd in Schnee-lichten Kleidern singen
In ewig-Freuden vollem-Fried?
Sind diese die die vor der Zeit
In Purpur Seid' vnd Gold geglissen?
Vnd diß die in Gebrechligkeit
Vmbirrten kaal vnd abgerissen?
Vnd diese die erhitzt von Neyd
Einander nicht die Lufft vergönnten?
Die keine Länder schlissen könnten.
Vnd jener schleust itzt dessen Seit?
Wo sind die Wunder der Geschöpff?
Die schönen Seelen-räuberinnen?
Ich spüre nichts als grause Köpff
Vnd werde keiner Zirath innen!
Wo sind ob derer Wissenschafft
Sich das entzückte Volck entsetzet
Die man der Weißheit Väter schätzet!
Die Zeit hat all' hinweg gerafft.
Ich finde meistens nichts vor mir
Als gantz entfleischete Gerippe!
Hirnscheitel sonder Haar vnd Zier
Antlitzer sonder Naß' vnd Lippe
Vnd Haupter sonder Haut vnd Ohr
Gesichter sonder Stirn vnd Wangen
Die Leffzen sind in nichts vergangen
Noch wenig Zähne ragen vor.
Der Hals- vnd Rückenbeiner Rey
Hangt ja noch so vnd so beysammen
Von Adern Fell vnd Mausen frey
Die Rippen so herausser stammen
Beschlissen nicht mehr ihre Brust
Die Ihrer Schätze gantz entleret
Die Eingeweide sind verzehret
Verzehrt deß Busens doppel-Lust.
Was nützt der Schultern Blätter Paar
Der Armen Röhr ist sonder Stärcke
Vnd was deß Menschen eigen war
Die Hand das Werckzeug höchster Wercke
Das See vnd Land vnd Lufft bewegt
Vnd aller Thurst sich vnterwunden;
Ist durch deß Grabes Macht entbunden
Zerstückt entädert vnd zerlegt.
Die Schoß ist ledig Hüfft vnd Schin
Vnd Fuß vnd Fußbrett nichts als Knochen
Holl vngestalt vnd gelblich grün
Vnd dürr als Scherben die zerbrochen.
In tausendfacher vngestalt
Ist doch gleich' vngestalt zu kennen!
Wehn sol ich hoch wehn edel nennen?
Wehn schön arm kunstreich jung vnd Alt?
Vnd diese sinds an den die Zeit
Ihr grimmes Recht hat außgeführet.
An welchen Tod vnd Sterbligkeit
Auch den geringsten Raub mehr spüret;
Wie viel mehr häßlich ist die Schaar
Die noch mit der Verwesung ringet
Die nach vnd nach die Fäule zwinget
Die vns kaum liß vor diesem Jahr!
Der Locken Schmuck fleucht vnd verfällt
Die Flechten sind verwirrt vnd stieben;
Kaum was die feuchte Haut anhelt
Ist vmb die öffnen Schläffe blieben!
Der Augen außgeleschtes Licht
Beginnt sich scheußlich zu bewegen
Durch innerlicher Würmer regen
Die Nase rümpft sich vnd zerbricht.
Die zarten Wangen schrumpfen eyn
Könbacken Zung' vnd Zähne blecken
Der Leffzen ihr Corallenschein
Ist gantz verstelt mit schwartzen Flecken.
Die Stirne reist. Deß Halses Schnee
Wird Erdfarb wie wenn nun die Sonnen
Dem strengen Frost hat abgewonnen
Vnd heisser stral't von ihrer Höh'.
Was lispelt durch der Kähle Röhr?
Was merck ich in den Brüsten zischen?
Mich düncket daß ich Schlangen hör
Mit Nattern ihr Gepfeiffe mischen.
Welch vnerträglich-fauler Schmauch
Erhebt sich durch die bangen Lüffte!
Geschwängert mit erhitztem Giffte.
So dämpft Aornus hel'scher Rauch.
So dämpft der Camariner Pful
So qvalmen gelber Drachen Hölen
Die Japoneser Marter-Schull
Setzt nicht so zu verstrückten Seelen:
Als dieser Nebel-Pest anfällt
Die auß zuplatzten Leibern wüttet
Die vor mit Balsam überschüttet
Vnd Rauchwerck neu-entdeckter Welt.
Der Därmer Wust reist durch die Haut
So von den Maden gantz durch bissen;
Ich schau die Därmer (ach mir graut!
In Eiter Blutt vnd Wasser fliessen!
Das Fleisch das nicht die Zeit verletzt
Wird vnter Schlangen-blauen Schimmel
Von vnersätlichem gewimmel
Vielfalter Würmer abgefretzt.
Was hilfft der Socotriner Safft!
Er kan die Schönheit nicht erhalten.
Worzu der scharffen Myrrhe Krafft?
Er läst die Glieder doch veralten.
Ist diß was Palästine schickt
Asspalt wol oder Fleisch zu nennen?
Wenn wir die Beyner nicht erkennen
Wird eins fürs ander, angeblickt.
Was aber nutzt! ein Prächtg Kleid
Mit göldnem Zierath reich durchstricket?
Was ists daß man mit reiner Seid'
Die in das Grab verweiste schmücket?
Schaut wie die Purpur sich entfärbt
Wie eur lang Stückwerck bald vermodert
Wie schnell der zarte Flor verlodert
Wie vieler Hände Fleiß verderbt!
Ach Todten! ach was lern ich hier!
Was bin ich vnd was werd ich werden!
Was fühl vnd trag ich doch an mir
Als leichten Staub vnd wenig Erden.
Wie lange wird mein Cörper stehn!
Wie bald werd ich die Jahre schlissen!
Wie bald die Welt zum Abscheid grüssen
Vnd auß der Zeiten Schrancken gehn.
Werd ich wol zu der grossen Reiß
Bedachtsam mich bereiten können!
Wie? oder wird den letzten Fleiß
Ein schleunig Auffbott mir nicht gönnen!
Ach Herr deß Lebens eile nicht
Mich vnverwarnet zu betagen:
Sey wenn die todten-Vhr wird schlagen
Mein Schutzherr Leitsmann Weg vnd Liecht.
Wo werd ich die erblaste Leich
Vnd wie der letzten Grufft vertrauen?
Wie mancher der in allem reich
Ließ ihm vmbsonst sein Grab auffbauen!
Wie viel bedeckt ein frembder Sand
Wer kennt deß rauen Glückes Fälle?
Wie manchen schmiß die tolle Welle
An frembder Ufer rauen Strand!
Doch aber ist so viel nicht an
Ob ich Geselt ob einsam liege!
Herr! wenn mein Geist nur stehen kan!
Vnd ich vor deinem Richtstul siege
Ich weiß die angesetzte Zeit
Wird bald mit vngeheurem Krachen
Vnd Lichter Glutt das Vorspill machen
Der vnbegräntzen Ewigkeit.
Wenn Gottes letzte Feldgeschrey
Verstärckt mit Blitzen vnd Trompeten
Wird durch der langen Länder Rey
Erschallen vnd den Tod ertödten
Wenn Marmor Ertz Metall vnd Stein!
Vnd Pharos vnterirrd'sche Grüffte
Vorliefern werden in die Lüffte
Die leichter Geister-vollen Bein!
Wenn Amphitritens tolle Schoß
Viel tausend Menschen wird gebähren
Vnd was ihr tieffer Abgrund schloß
Dem Richter auff sein Wort gewehren.
Wenn was der freche Nord verweht
Was Tyger vnd Maroc zurissen
Was Persens Fla i' auffzehren müssen
Was auff den Wüsten Stro i geseet.
Was Caribe was ie Brasil
Viel wilder als sein Wild verschlungen:
Wenn was in tieffe Schacht verfiel
Drin er vbmsonst nach Gold gerungen!
Wenn was Vesevus überschneyt
Mit heisser Asch vnd lichten Funcken
Wenn was in Ætnæ Glutt versuncken
Vnd was deß Hekels Schlund anspeytt
Wenn was die Zeit siebt in die Lufft
Sich plötzlich gantz wird wiederfinden;
Ja wenn deß tieffsten Kerckers Klufft
Selbst die Gefangnen wird entbinden;
Zu sehen wie deß Höchsten Sohn
In höchster Herrligkeit beschemen
Werd' alle Feind vnd nun einnehmen
Den ihm gesetzten Richters-Thron.
Zu hören wie der Richter sich
Hauptsäch- vnd endlich werd' erklären
Der hier gerichtet ward vor mich
Vmb mich nicht richtend zu beschweren
Der allem neues Leben gibt.
Die Erden loder vnd verbrenne!
Der Himmel Feste brech vnd trenne!
Hier steht wer Jesum hasst vnd liebt.
Da werd ich euch die ich itzt schau
Vnd doch nicht weiß zu vnterscheiden
Wie ich voll fester Hoffnung trau
Sehn gantz vertäufft in Freud vnd Leiden!
In Freuden die kein Sinn' ersinn't;
In Leid das Niemand kan ermässen!
In Lust die aller Angst vergessen
In Leid das nimmer nicht zerrinnt.
In Freuden den die Welt zu klein
In Leid ob dem die Hell erschittert
In Lust dem Schiffbruch aller Pein
In Leid das stette Furcht verbittert.
In Lust die alles Ach ertränckt
In Leid das gantz kein Hoffen kennet
In Wonne die kein Sorgen trennet
In Leid das ewig brennt vnd kränckt.
Ich werd euch sehn mit eurer Haut
Doch von Verwesung frey vmbgeben!
Was ihr der Gruben habt vertraut
Wird vmb die vollen Adern leben!
Ich werd euch sehn! O Vnterscheid!
Verklärt vnd mich an euch ergetzen!
Verstellt vnd mich ob euch entsetzen!
Vnd ruffen: Ach! O Wonn! O Leid!
Ich werd euch sehn mehr denn das Licht
Von zehnmal tausend Sonnen schimmern;
Ich werd euch sehn vnd mein Gesicht
Verborgen vor dem Jammer-wimmern.
Ich werd euch sehn mehr schön als schön
Euch mehr denn häßlich vnd elende!
Euch zu dem Trost; euch in die Brände
Gespenster-schwerer Nächte gehn.
Viel die man groß vnd heilig schätzt;
Schätzt Gottes Außspruch vor verlohren!
Viel die man schmeht verspeyt verletzt:
Sind zu dem grossen Reich erkohren.
Starrt ob dem schönen Marmel nicht
Stein Schmuck vnd Grabschrifft können trügen.
Die Leiche nur weiß nicht von Lügen:
Nichts von betrügen diß Gericht.
Sie zeigt dir daß du must vergehn!
In Fäul in Angst in Stanck in Erden!
Daß auff der Welt nichts könne stehn!
Daß iedes Fleisch muß Aschen werden!
Daß ob wir hier nicht gleiche sind
Der Tod doch alle gleiche mache!
Geh vnd beschicke deine Sache
Daß dich der Dichter wachend find.
Er einig weiß was Grab vnd Tod
Vermischt genau zu vnterscheiden!
Er weiß wer nach der letzten Noth
Sol ewig-jauchtzen oder leiden!
Er sorgt daß nicht der meiste Staub
Von einem Cörper ihm verschwinde!
Ihm hütten Wasser Lufft vnd Winde
Ihm raubt gar nichts der Zeiten Raub.
Ach Todten! Ach! was lern ich hier!
Was war ich vor! was werd' ich werden!
Was ewig; bleibt vns für vnd für!
Vnd ich bekümmer mich vmb Erden!
O lehrt mich die ihr lieget stehn!
Daß wenn ich Jahr vnd Zeiten schlisse
Wenn ich die Welt zum Abscheid grüsse
Mög' auß dem Tod ins Leben gehn!