Gedancken/ Vber den Kirchhoff vnd Ruhestädte der Verstorbenen

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Wo find ich mich? ist diß das Feld

In dem die hohe Demuth blühet?

Hat Ruh' Erquickung hier bestellt

Dem der sich für vnd für bemühet?

Der heisser Tage strenge Last

Vnd kalter Nächte Frost ertragen?

Vnd mitten vnter Ach vnd Klagen

Sorg Angst vnd Müh auff sich gefast.

Wo find ich mich! hier sind die Beet'

Die in dem schwangern Schoß verstecken

Was dessen milde Faust auß-seet

Der Tod vnd Leichen auff-kan-wecken

Mir graut vor aller Gärte Zier!

Weicht ihr Hesperier! ich achte

Nichts was der Med' vnd Babel brachte

Den schönsten Garten schau ich hier.

Ob mein Geruch hier nicht den Dampff

Von Roß' vnd Jelsemin empfindet:

Ob keiner Tulpen Art' hier Kampff

(Trotz Farben!) der Natur ankündet:

Ob diß nicht wol gebaute Land

Mit keinen Granadillen pranget:

Doch trägt es wornach mich verlanget

Vnd Welt-gesinnte nie erkand.

O Schul in der die höche Kunst

Vns sterblichen wird vorgetragen!

In der nicht Blätter voll von Dunst

Kein Buch voll Wahn wird auffgeschlagen!

Wie vbel hab ich meine Zeit

In lauter Eitelkeit verschwendet!

Wer seine Stunden hier anwendet

Erlernt den Weg der Ewigkeit.

O Schul! ob der was in der Welt

Vor klug geachtet; sich entsetzet!

Die was verpicht auff Ehr vnd Geld

Vor mehr den höchst-erschrecklich schätzet

O Schul! ob der der Seelen graut

Die alles weiß ohn was Gewissen:

O Schul! ob welcher Zittern müssen

Die mehr auff Stahl als Recht getraut.

O Schul! ob welcher den die Haar

In kaltem Schweiß zu Berge gehen

Die nahe letztem Ziel der Jahr

Doch näher tollen Lüsten stehen.

O Schul! ob welcher dem die Bein

Vnd die durcheisten Glieder schüttern

Dem bey den überhäufften Güttern

Kein Gott ging in den Glauben eyn.

O Schul! Ich Komme voll begier

Die wahre Weißheit zu ergründen!

Durchforsche mich du wirst bey mir

Ein munter Ohr vnd Auge finden!

Was mich ie Socrates gelehrt

Hält ja nicht Stich: der Stagirite

Vorfällt itzt gantz! der weise Scythe

Wird nun auff keinem Stull geehrt.

Wer aber ists der mir erklär

Was ich zu lernen mich bemühe?

Vnd der die Gründe mir bewehr?

Vnd feste Schlüsse darauß ziehe?

Wiel hier die Einsamkeit allein

Diß angenehme Werck verrichten?

Vnd alle meine zweifel schlichten?

Die mich vmbstrickt? O nein! O nein!

Wie wird mir! wackelt nicht der Grund

Auff dem ich steh'! rauscht ihr O Linden?

Wie! reist die Erd auff ihren Schlund!

Vnd läst die Wurtzeln sich entbinden.

Hör ich das rasseln dürrer Bein?

Hör' ich ein heischer-Menschlich brausen?

Hör ich der Suden holes Sausen?

Waltzt ihr euch ab ihr schweren Stein?

Ich seh vnd starr! ein kaltes Eiß

Befröstet Adern Hertz vnd Lungen!

Von beyden Schläffen rinnet Schweiß

Mein Leib wird auff den Platz gezwungen.

Das gantze Feld ist eine Grufft

Vnd alle Särge stehn entdecket

Was vor Staub Ziegel Kalck verstecket

Vmbgibt die allgemeine Lufft.

O letztes doch nicht festes Haus!

O Burg darinn wir vns verkrichen!

So bald deß Lebens Zeiger auß

Vnd dieser Wangen Roß' erblichen

Palast den einig vns die Welt

Auff immer zu besitzen bauet

Die offt doch was sie vns vertrauet

Erbricht vnd in dem Grab' anfällt

Du warest ja vorhin in Zihn

Vnd du in Kupffer eingeschlossen!

Vnd du nicht ohne viel bemühn

Mit lauter dichtem Bley vmbgossen.

Man sparte nichts was teur vnd groß

Als dieser (wie mich noch gedencket)

In Gold vnd Marmor eingesencket;

Wie find ich euch denn alle bloß?

Ach! Geitz vnd Gri i hat in die Nacht

Deß tunckeln Grabes sich gewaget

Vnd ins erblaste Licht gebracht

Wornach mein traurend Forschen fraget.

Es hätte keine Rauber-Hand

Entseelten eure Ruh' erbrochen;

Wenn ihr die abgeleb'ten Knochen

In Holtz vertraut dem schlechten Sand.

Doch gehen auch die Cedern eyn!

Die faulen Kiefer-Bretter weichen

Kein' Eiche wird hier ewig seyn

Sie muß ihr Grab im Grab erreichen.

Was schätzt ihr denn die leichte Ficht?

Die Fugen spalten vnd zerknallen

Die engen Todten-Hütten fallen

Wie fest ihr klammert vnd verpicht.

Hilff Gott! die Särge springen auff!

Ich schau die Cörper sich bewegen

Der längst erblasten Völcker Hauff

Beginnt der Glieder Rest zu regen!

Ich finde plötzlich mich vmbringt

Mit durch den Tod entwehrten Heeren

O Schauspiel! das mir heisse Zehren

Auß den erstarten Augen dringt!

O Schauspil! ob dem mich die Welt

Vnd was die Welt hoch schätzt anstincket!

Ob dem mein Hochmuth nieder fällt

Vnd Muth vnd Wahnwitz gantz versincket!

Sind diese die die vnser Land

Beherrscht getrotzt gepocht geschätzet!

Die Dolch vnd Spiß vnd Schwerdt gewetzet

Die stets gedruckt mit Stahl vnd Brand?

Sind diese die die Gottes Hertz

Erweicht mit Seufftzen-reichem Beten?

Die (Trotz dem jammerschwangern Schmertz!)

Vor sein erzörnt Gesicht getreten.

Die nichts denn ihre Schuld beklagt?

Ob Schätz vnd Gütter gleich verflogen

Ob Angst ihr Blutt vnd Marck durchsogen

Vnd den geklemten Geist zernagt.

Sind diese die die Scham vnd Zucht

Vnd das entweyhte Recht verjaget?

Die was deß Himmels Zorn verflucht

Auß seiner Hell ins Licht vertaget?

Die Schand auff Laster Pest auff Gifft

Auff Frevel Rach vnd Mord gehäuffet

Die in den Abgrund sich verteuffet

Auff die itzt Blitz vnd Donner trifft?

Sind diese die die kleine Lust

Der Lüster-reichen Zeit beflecket

Den die in Lieb entbrante Brust

Deß Höchsten reiner Geist entstecket?

Die vmb das Lamb ein Freuden-Lied

Das nicht ein ieder lernnt vorbringen

Vnd in Schnee-lichten Kleidern singen

In ewig-Freuden vollem-Fried?

Sind diese die die vor der Zeit

In Purpur Seid' vnd Gold geglissen?

Vnd diß die in Gebrechligkeit

Vmbirrten kaal vnd abgerissen?

Vnd diese die erhitzt von Neyd

Einander nicht die Lufft vergönnten?

Die keine Länder schlissen könnten.

Vnd jener schleust itzt dessen Seit?

Wo sind die Wunder der Geschöpff?

Die schönen Seelen-räuberinnen?

Ich spüre nichts als grause Köpff

Vnd werde keiner Zirath innen!

Wo sind ob derer Wissenschafft

Sich das entzückte Volck entsetzet

Die man der Weißheit Väter schätzet!

Die Zeit hat all' hinweg gerafft.

Ich finde meistens nichts vor mir

Als gantz entfleischete Gerippe!

Hirnscheitel sonder Haar vnd Zier

Antlitzer sonder Naß' vnd Lippe

Vnd Haupter sonder Haut vnd Ohr

Gesichter sonder Stirn vnd Wangen

Die Leffzen sind in nichts vergangen

Noch wenig Zähne ragen vor.

Der Hals- vnd Rückenbeiner Rey

Hangt ja noch so vnd so beysammen

Von Adern Fell vnd Mausen frey

Die Rippen so herausser stammen

Beschlissen nicht mehr ihre Brust

Die Ihrer Schätze gantz entleret

Die Eingeweide sind verzehret

Verzehrt deß Busens doppel-Lust.

Was nützt der Schultern Blätter Paar

Der Armen Röhr ist sonder Stärcke

Vnd was deß Menschen eigen war

Die Hand das Werckzeug höchster Wercke

Das See vnd Land vnd Lufft bewegt

Vnd aller Thurst sich vnterwunden;

Ist durch deß Grabes Macht entbunden

Zerstückt entädert vnd zerlegt.

Die Schoß ist ledig Hüfft vnd Schin

Vnd Fuß vnd Fußbrett nichts als Knochen

Holl vngestalt vnd gelblich grün

Vnd dürr als Scherben die zerbrochen.

In tausendfacher vngestalt

Ist doch gleich' vngestalt zu kennen!

Wehn sol ich hoch wehn edel nennen?

Wehn schön arm kunstreich jung vnd Alt?

Vnd diese sinds an den die Zeit

Ihr grimmes Recht hat außgeführet.

An welchen Tod vnd Sterbligkeit

Auch den geringsten Raub mehr spüret;

Wie viel mehr häßlich ist die Schaar

Die noch mit der Verwesung ringet

Die nach vnd nach die Fäule zwinget

Die vns kaum liß vor diesem Jahr!

Der Locken Schmuck fleucht vnd verfällt

Die Flechten sind verwirrt vnd stieben;

Kaum was die feuchte Haut anhelt

Ist vmb die öffnen Schläffe blieben!

Der Augen außgeleschtes Licht

Beginnt sich scheußlich zu bewegen

Durch innerlicher Würmer regen

Die Nase rümpft sich vnd zerbricht.

Die zarten Wangen schrumpfen eyn

Könbacken Zung' vnd Zähne blecken

Der Leffzen ihr Corallenschein

Ist gantz verstelt mit schwartzen Flecken.

Die Stirne reist. Deß Halses Schnee

Wird Erdfarb wie wenn nun die Sonnen

Dem strengen Frost hat abgewonnen

Vnd heisser stral't von ihrer Höh'.

Was lispelt durch der Kähle Röhr?

Was merck ich in den Brüsten zischen?

Mich düncket daß ich Schlangen hör

Mit Nattern ihr Gepfeiffe mischen.

Welch vnerträglich-fauler Schmauch

Erhebt sich durch die bangen Lüffte!

Geschwängert mit erhitztem Giffte.

So dämpft Aornus hel'scher Rauch.

So dämpft der Camariner Pful

So qvalmen gelber Drachen Hölen

Die Japoneser Marter-Schull

Setzt nicht so zu verstrückten Seelen:

Als dieser Nebel-Pest anfällt

Die auß zuplatzten Leibern wüttet

Die vor mit Balsam überschüttet

Vnd Rauchwerck neu-entdeckter Welt.

Der Därmer Wust reist durch die Haut

So von den Maden gantz durch bissen;

Ich schau die Därmer (ach mir graut!

In Eiter Blutt vnd Wasser fliessen!

Das Fleisch das nicht die Zeit verletzt

Wird vnter Schlangen-blauen Schimmel

Von vnersätlichem gewimmel

Vielfalter Würmer abgefretzt.

Was hilfft der Socotriner Safft!

Er kan die Schönheit nicht erhalten.

Worzu der scharffen Myrrhe Krafft?

Er läst die Glieder doch veralten.

Ist diß was Palästine schickt

Asspalt wol oder Fleisch zu nennen?

Wenn wir die Beyner nicht erkennen

Wird eins fürs ander, angeblickt.

Was aber nutzt! ein Prächtg Kleid

Mit göldnem Zierath reich durchstricket?

Was ists daß man mit reiner Seid'

Die in das Grab verweiste schmücket?

Schaut wie die Purpur sich entfärbt

Wie eur lang Stückwerck bald vermodert

Wie schnell der zarte Flor verlodert

Wie vieler Hände Fleiß verderbt!

Ach Todten! ach was lern ich hier!

Was bin ich vnd was werd ich werden!

Was fühl vnd trag ich doch an mir

Als leichten Staub vnd wenig Erden.

Wie lange wird mein Cörper stehn!

Wie bald werd ich die Jahre schlissen!

Wie bald die Welt zum Abscheid grüssen

Vnd auß der Zeiten Schrancken gehn.

Werd ich wol zu der grossen Reiß

Bedachtsam mich bereiten können!

Wie? oder wird den letzten Fleiß

Ein schleunig Auffbott mir nicht gönnen!

Ach Herr deß Lebens eile nicht

Mich vnverwarnet zu betagen:

Sey wenn die todten-Vhr wird schlagen

Mein Schutzherr Leitsmann Weg vnd Liecht.

Wo werd ich die erblaste Leich

Vnd wie der letzten Grufft vertrauen?

Wie mancher der in allem reich

Ließ ihm vmbsonst sein Grab auffbauen!

Wie viel bedeckt ein frembder Sand

Wer kennt deß rauen Glückes Fälle?

Wie manchen schmiß die tolle Welle

An frembder Ufer rauen Strand!

Doch aber ist so viel nicht an

Ob ich Geselt ob einsam liege!

Herr! wenn mein Geist nur stehen kan!

Vnd ich vor deinem Richtstul siege

Ich weiß die angesetzte Zeit

Wird bald mit vngeheurem Krachen

Vnd Lichter Glutt das Vorspill machen

Der vnbegräntzen Ewigkeit.

Wenn Gottes letzte Feldgeschrey

Verstärckt mit Blitzen vnd Trompeten

Wird durch der langen Länder Rey

Erschallen vnd den Tod ertödten

Wenn Marmor Ertz Metall vnd Stein!

Vnd Pharos vnterirrd'sche Grüffte

Vorliefern werden in die Lüffte

Die leichter Geister-vollen Bein!

Wenn Amphitritens tolle Schoß

Viel tausend Menschen wird gebähren

Vnd was ihr tieffer Abgrund schloß

Dem Richter auff sein Wort gewehren.

Wenn was der freche Nord verweht

Was Tyger vnd Maroc zurissen

Was Persens Fla i' auffzehren müssen

Was auff den Wüsten Stro i geseet.

Was Caribe was ie Brasil

Viel wilder als sein Wild verschlungen:

Wenn was in tieffe Schacht verfiel

Drin er vbmsonst nach Gold gerungen!

Wenn was Vesevus überschneyt

Mit heisser Asch vnd lichten Funcken

Wenn was in Ætnæ Glutt versuncken

Vnd was deß Hekels Schlund anspeytt

Wenn was die Zeit siebt in die Lufft

Sich plötzlich gantz wird wiederfinden;

Ja wenn deß tieffsten Kerckers Klufft

Selbst die Gefangnen wird entbinden;

Zu sehen wie deß Höchsten Sohn

In höchster Herrligkeit beschemen

Werd' alle Feind vnd nun einnehmen

Den ihm gesetzten Richters-Thron.

Zu hören wie der Richter sich

Hauptsäch- vnd endlich werd' erklären

Der hier gerichtet ward vor mich

Vmb mich nicht richtend zu beschweren

Der allem neues Leben gibt.

Die Erden loder vnd verbrenne!

Der Himmel Feste brech vnd trenne!

Hier steht wer Jesum hasst vnd liebt.

Da werd ich euch die ich itzt schau

Vnd doch nicht weiß zu vnterscheiden

Wie ich voll fester Hoffnung trau

Sehn gantz vertäufft in Freud vnd Leiden!

In Freuden die kein Sinn' ersinn't;

In Leid das Niemand kan ermässen!

In Lust die aller Angst vergessen

In Leid das nimmer nicht zerrinnt.

In Freuden den die Welt zu klein

In Leid ob dem die Hell erschittert

In Lust dem Schiffbruch aller Pein

In Leid das stette Furcht verbittert.

In Lust die alles Ach ertränckt

In Leid das gantz kein Hoffen kennet

In Wonne die kein Sorgen trennet

In Leid das ewig brennt vnd kränckt.

Ich werd euch sehn mit eurer Haut

Doch von Verwesung frey vmbgeben!

Was ihr der Gruben habt vertraut

Wird vmb die vollen Adern leben!

Ich werd euch sehn! O Vnterscheid!

Verklärt vnd mich an euch ergetzen!

Verstellt vnd mich ob euch entsetzen!

Vnd ruffen: Ach! O Wonn! O Leid!

Ich werd euch sehn mehr denn das Licht

Von zehnmal tausend Sonnen schimmern;

Ich werd euch sehn vnd mein Gesicht

Verborgen vor dem Jammer-wimmern.

Ich werd euch sehn mehr schön als schön

Euch mehr denn häßlich vnd elende!

Euch zu dem Trost; euch in die Brände

Gespenster-schwerer Nächte gehn.

Viel die man groß vnd heilig schätzt;

Schätzt Gottes Außspruch vor verlohren!

Viel die man schmeht verspeyt verletzt:

Sind zu dem grossen Reich erkohren.

Starrt ob dem schönen Marmel nicht

Stein Schmuck vnd Grabschrifft können trügen.

Die Leiche nur weiß nicht von Lügen:

Nichts von betrügen diß Gericht.

Sie zeigt dir daß du must vergehn!

In Fäul in Angst in Stanck in Erden!

Daß auff der Welt nichts könne stehn!

Daß iedes Fleisch muß Aschen werden!

Daß ob wir hier nicht gleiche sind

Der Tod doch alle gleiche mache!

Geh vnd beschicke deine Sache

Daß dich der Dichter wachend find.

Er einig weiß was Grab vnd Tod

Vermischt genau zu vnterscheiden!

Er weiß wer nach der letzten Noth

Sol ewig-jauchtzen oder leiden!

Er sorgt daß nicht der meiste Staub

Von einem Cörper ihm verschwinde!

Ihm hütten Wasser Lufft vnd Winde

Ihm raubt gar nichts der Zeiten Raub.

Ach Todten! Ach! was lern ich hier!

Was war ich vor! was werd' ich werden!

Was ewig; bleibt vns für vnd für!

Vnd ich bekümmer mich vmb Erden!

O lehrt mich die ihr lieget stehn!

Daß wenn ich Jahr vnd Zeiten schlisse

Wenn ich die Welt zum Abscheid grüsse

Mög' auß dem Tod ins Leben gehn!