Gedanken über das Pflügen und Säen.

By Barthold Heinrich Brockes

Jm Herbst, an einem schönen Tage, sah ich, mit innigem

Vergnügen,

Den Bauknecht mit vier starken Pferden geschäftig meinen

Acker pflügen,

Ich sah ihn lange Furchen zieh’n, und sah den Pflug, wie

sanft er glitte,

Den Boden von einander theilt’, den fest- und fetten

Grund durchschnitte,

Beschäftigt alles umzustürzen, und kleine Wellen zu er-

höh'n,

Die in geraden Strichen all’, ohn’ einige Bewegung,

steh'n,

Und überall das Feld erfüllen. Ich sah dadurch das

Grau der Erden,

Jm kurzen, in ein schönes Braun verkehrt und lieblich

dunkel werden.

Ich setzte mich an einen Hügel, der Arbeit, die so nütz

als schön,

Mit einigen Betrachtungen, zu GOttes Ehren, zuzu-

seh'n.

Ich dachte: Welche Weisheit liegt in diesem so geringen

Werke,

Welch ein erstaunlich grosser Nutz! Je mehr ich mit Be-

dacht bemerke,

Je mehr erblick ich in demselben, bey göttlicher Gewo-

genheit,

Abseiten unser, abermahl unleidlich’ Unerkenntlichkeit.

Wer würdigt doch wohl einen Pflug des Anblicks! wer

betrachtet ihn!

Man hält ihn für ein plumpes Werkzeug, man zieht von

ihm so gleich den Blick

(als wär es schimpflich ihn zu seh’n, man mag ihn stehen,

oder zieh'n,

Zu Haus, und auf dem Felde, seh’n) verächtlich mehren-

theils zurück.

Da er doch nicht allein so nützlich und nöhtig; da er in

der That

Weit mehr, als wie man glauben sollte, viel künstliches

noch an sich hat.

Ich ließ mir alle Stücke nennen, und alle seine Theil

weisen,

Und fand

Pflug-Baum, Vorder-Eisen,

Den Nagel, Gradsuhl, Grad, den Sterz, die Unter-

Sahl, die Seiten-Sahl,

Das Ruster-Brett, das Seiten-Eisen, die Pflug-

Butt, Pfiug-Schaar, Welle-Stecher,

Den der, so pflügt, in Händen führt, mit welchen er auch

öftermahl

Die Pflug-Schaar reinigt, und zugleich den Pflug zurecht

setzt, welchen man,

Durch Löcher in dem Baum, erhöh’n, und ihn, wenns

noht ist, senken kann.

Wie lange kannte wohl die Welt ein solches nützlichs

Werkzeug nicht?

Wer war es, welcher es zuerst so ausgedacht und zuge-

richt?

So viel man Nachricht davon weiß, ist der Erfinder in

den Orden

Der Götter, aus Erkenntlichkeit, so gar dafür versetzet

worden.

So weit sah man die Dankbarkeit für dieß so nützlichs

Werkzeug geh'n,

Das wir itzt, durch Gewohnheit blind, kaum würdigen

recht anzuseh'n.

Nachdem ich dieses überdacht’; erhub ich mich, das

Säen und Egen,

Mit ebenmäßiger Betrachtung, zu sehen und zu über-

legen.

Da ich denn, mit vergnügten Blicken, des Sä’manns

abgemeßnen Tritt

In stets gerader Linie, und wie die Hand den festen

Schritt,

Ohn’ allen Fehl, begleitete, das aus dem Sack gegriffne

Korn

In richt’ger Ebenmaasse streute, daß nicht zu wenig, nicht

zu viel,

Daß nicht zu dicht, und nicht zu weit, der scharf geworfn

Saame fiel.

Oft füllet er von seinem Rücken das weisse Sä’tuch, das

ihm vorn,

Zum schnellen Griff, eröffnet hing. Mir schien das

Säen leicht zu seyn,

Und nicht so schwehr, als wie das Pflügen, und anders

Ackerwerk; allein,

Wie ich darüber mich befragte, ward mir ein anders bald

belehret,

Daß auch zu dieser Arbeit Kraft und viele Wissenschaf

gehöret.

Dem Säen sah ich emsig zu: und weil der helle Sonnen-

schein

Auf den geworfnen Saamen fiel, den auch der dunkle Grund

erhöhte;

So schien es wahrlich anders nicht, als ob er güldne

Körner säte.

Doch nein, es ließ noch ähnlicher, und recht als wenn

ein strenger Regen

Von grossen Tropfen überall, und im beständigen Bewegen,

Vom Winde stark getrieben, fiel. Die Erd’, als wär

sie heiß und trucken,

Schien die empfangne Tropfen schnell, als wie im Sommer,

einzuschlucken.

Indem ich dieses, mit Bedacht, noch ferner sehe, fällt mir

bey,

Daß ein fast nicht gespührtes Wunder im Saamen noch

verborgen sey,

Da, ob er gleich nicht nach der Ordnung, und wirklich

recht von ungefehr,

Bald auf-bald unterwerts, bald platt, gerade bald, bald in

die Queer,

So wie er fällt, zu liegen kommt, es doch Bewunderns

wehrt sich zeiget,

Daß unterwerts die kleine Wurzel, das Hälmchen in die

Höhe steiget.

Wenn nun die eine von sich selbst sich abwerts, jene in die

Höh',

Durch einen uns verborgnen Trieb, nicht, fast vernünftig,

wendete;

Würd’ es für uns unmöglich seyn, mit aller unsrer Kunst,

zu sä'n.

Denn welcher Mensch könnt’ jedes Korn nach seiner rech-

ten Lage dreh'n?

Erkennet denn, geliebte Menschen! auch hieraus eine neue

Spur

Von einer mächtig-weisen Lieb’ in der uns nährenden

Natur.

So bald der edle Saame nun dem Schooß der Erden

anvertraut;

Wird ein nicht minder nützlichs Werkzeug, im emsigen

Gebrauch, geschaut.

Die zackigten geeckten Egen, die theils voll Holz, theils

Eisen stecken,

Sind mit bespannten Pferden fertig, den künft’gen Segen

zuzudecken.

Sie bringen den gestreuten Saamen nun völlig erst zu

seiner Ruh,

Und ziehen vor dem grossen Schauplatz, so wie es scheint,

die Decke zu.

Gesegne Du es nun, o GOtt! Du Segens-Quell’! Der

Ackersmann

Hat bey dem grossen Nahrungs-Werk nunmehr das

Seinige gethan.

Ein mehrers kann er nicht. So laß, was er der Erden

anvertrauet,

Bloß durch Dein gnädiges Gedeyen, im Regen, Sonnen-

schein und Winden,

Zu rechter Zeit, in rechter Maasse, Kraft, Nässe, Wärm’

und Wachsthum finden!

Gieb auch, daß wir mit Preis und Dank den uns von

Dir geschenkten Segen,

Wenn er gereifet und gemäht, vergnügt in unsre Scheu-

ren legen!