Gedanken über einem Weinstok mit gereifften Trauben zur Herbstszeit.
Was seh ich da an Garten Wänden
Vor strahlende Tapecerei?
Mir deucht, daß sie von denen Hän-
Des Schöpfers, auch gewebet sey.
Ein dürrer Stock voll schlanker Reben,
Kan solche Augenweide geben,
Wie ist das nicht erquiklich schön?
Ach! laß mich HErr zu deinem Ruhme,
Auch in der Gärten Heiligthume,
Des Weinstocks Lust und Schmuck besehn.
Der Anblik zeuget die Gedanken:
Ein dürrer Stamm bringt solche Pracht,
Wenn er mit den geschlungnen Ranken,
Die Gärtenwände grünend macht.
Die Kunst muß sie in Ordnung binden,
Wie sie sich in die Höhe winden,
So sinds Tapeten der Natur
Die mit den durchgeflochtnen Zweigen,
In Blätterreicher Anmuth zeigen,
Manch Herzerfreuliche Figur.
Jhr die ihr eurer Wohnung Zimmer,
Mit solchen Dekken ausgelegt,
Woraus ein Strahlenreicher Schimmer,
In unsrer Augen Spiegel schlägt.
Jhr mögt mit Stikwerk, Mahlereien,
Den Anblik suchen zu erfreuen,
Die Wände mit den Bildern ziern,
Es muß doch das, was künstlich glänzet,
Vor dem, was die Natur bekränzet,
Die Pracht der Farben bald verliehrn.
Seht an, den Weinstok mit dem Laube,
Wie er sich um die Pfäle schlingt,
Und wie dadurch die Purpurtraube
In sanfftgemischten Glanze dringt.
Hier sind lebendige Figuren,
Und schlankigte gezogne Spuren:
Ein Rankenwerk natürlich schön,
Da eines sich durchs andre bieget,
Ein Blat gleichsam auf andren lieget,
Wie sich der Reben Gabeln drehn.
Jhr schmükket mit gemahlten Kränzen,
Die Majestätschen Häuser an,
Wo man ein schimmernd güldnes Glänzen,
Was herrliches bewundern kan:
Jedoch die Pracht muß sich verdunkeln,
Bei der erhabnen Trauben Funkeln,
Die grünlich, roth und Purpurbraun,
In schön geformter Ordnung hangen,
Da aller Edelsteine Prangen,
In ihren Beerleins anzuschaun.
Wie herrlich sind sie ausgezieret,
Wenn man die Trauben recht erblikt,
Die wie Cristallen klar poliret,
Gefüllten Perlen gleich geschmükt;
Der Nectarsafft der darin schwimmet,
Darin als hellen Bechern glimmet,
Erregt des Gaumes Lüsternheit,
Man saugt den Safft, den Trank der Reben,
Der bei den Kummer-vollen Leben,
Der Menschen banges Herz erfreut.
O! lieblich wachsendes Vergnügen,
Womit der Schöpfer uns begabt,
Womit sein waltend weises Fügen,
Das Aug ergözt, die Zunge labt!
Die Sinnen starren bei dem Seegen,
Wenn wir mit stiller Lust erwegen,
Wie wunderbar der Weinstok sprießt;
Das Herze wallt, wenn wir bedenken,
Wie gütig
Woraus ein süß Erquikken fließt.
Der Allmacht wundervolle Gänge,
Sind an dem Weinstok gnug zu sehn,
Und in der Trauben süsse Menge,
An jeder Beere zu erhöhn.
Ein dürrer Stok wird zu Canälen
Wodurch zur Lindrung bei dem Quälen
Der Kummerwelt, ein Labsal läufft;
Ein Labsal das recht feurreich quillet,
Das Blut mit Lebens-Geistern füllet;
Die matt gewordnen Glieder steift.
Wie wunderbar wird durch die Sonnen,
Der Trauben Safft zu Wein gemacht,
Der als ein Wasser erst geronnen,
Und in die Reben eingebracht.
Der Lichtes Born, das Höchste Wesen
Läßt uns darinnen deutlich lesen,
Was es vor grosse Wunder thut;
Es schafft zum Zeugnis seiner Grösse,
Den Wein, verwandelt Wasser-Nässe
Ins feuerreiche Trauben-Blut.
Wie manigfalt sind die Getränke,
Die durch die schlanken Reben gehn
Wenn ich dies Ehrfurchts-voll bedenke
So kan ich
Die Stökke, die an äusren Zeichen,
Sich fast in allen Ländern gleichen,
Sind doch an Früchten mannigfalt;
Der Weine Arten die wir haben,
Sind mannigfaltge Wunder-Gaben,
Dies lehrt Geschmak, die Krafft, Gestalt.
Die Art schmekt säurlich, jene süsse,
Die bitter wie der Alicant,
Und sind doch alle blosse Flüsse
Der safftgen Erde, wie bekandt:
Wenn wir dies achtsam überdenken,
Dabei das Herz zum Schöpfer lenken,
Der diesen Unterscheid formirt;
So müssen wir gerührt bekennen,
Davon uns alles überführt.
Die Güte sucht uns zu erquikken,
Dazu muß auch der kräfftge Wein,
Den wir aus zarten Beeren drükken,
Ein heilsam stärkend Mittel seyn.
Ach möchten wir dieselbe schmekken,
Wenn wir der Trauben Nectar lekken:
So würde dieses Tranks Genus,
Bei vielen nicht, wie oft geschiehet,
Wenn er durch helle Gläser glühet,
Gebraucht zum schnöden Ueberflus!
Man singt und jauchzet bei Pocalen,
Worin des Herzens Freude schwimmt:
Allein wird woll bei vollen Schalen
Ein klingend Danklied angestimmt,
Dem Geber, der den Wein bescheret,
Und uns mit süssen Tropfen nähret?
Ach! leider hört man bei dem Klang
Der Gläser die mit Wein gefüllet,
Wie dieser schreit, der andre brüllet,
Der Geilheit üppigen Gesang.
Du weiser GOtt! hast uns gegeben,
Dis Weinstocks schönen Nectertrank:
Damit wir bei vergnügten Leben,
Dir opferten Lob, Preis und Dank:
Ich sehe jezt bei welken Laube,
Die durch die Sonn gereiffte Traube,
Ich schmekke ihre Süssigkeit,
Und drin mit nüchternen Gemüthe,
Auch deine grosse Wundergüte,
Die uns den Lebenssafft anbeut.
Der Weinbau ist wie man erfahren,
An denen Bergen wol gedeit,
Du hast dadurch zu vielen Jahren,
Den Menschen reiche Lust verleiht.
Die Kelter schäumen voller Säffte,
Die Winzer sehen ihr Geschäffte
Mit Seegen, Ueberflus bekrönnt:
O! woll dem, der das kan geniessen
Was
Ohn daß man schnöder Wollust fröhnt!