Gedanken zur Zeit der Erndte, 1735.
Mein GOtt, in diesem warmen Theile der Frucht-
erfüllten Sommer-Zeit,
Da eben Rocken, Gersten, Weizen, zu meinem Nutzen,
abgemeyt,
Betracht’ ich, mit gerührtem Geiste, die Wunder Deiner
Gütigkeit.
Hier kann ich ein gemähet Feld, bedeckt mit gelben Stop-
peln, sehn;
Dort seh’ ich ungezählte Garben, als wärens kleine Zelte,
stehn,
Die, da sie eine grosse Weite mit ihren kleinen Höhen
zieren,
Ein recht natürlich Friedens-Lager, in langen Linien, for-
mieren,
In Strichen, deren weites Ziel der schnelle Blick kaum
kann erreichen,
Die alle fast dem Golde gleichen,
Scheint zwischen grüner Bohnen Feldern der milden Mut-
ter grünes Kleid,
Mit güldnen Borten als bebrähmet, in einer prächt’gen
Lieblichkeit,
Die ausgespannte reine Luft, mit hellem Licht und Wärm’
erfüllet,
Ist, ganz von Duft, Gewölk und Nebel befreyt, erheitert
und enthüllet.
Die Wärme wird von dichten Bäumen gemildert, und,
durch Schatten, kühl,
Und alles, was man sieht und fühlet, vergnügt das Aug’
und das Gefühl.
Ich seh’, durch alle Pracht gerührt, die Frucht, die GOtt
mir schenket, an,
Zumahlen den gemähten Weizen, den man nicht besser
wünschen kann,
Von Unkraut, Brand und
einen kleinen Neid,
Der Landmann meine Frucht nicht rühmte. Gerührt
durch diese Fruchtbarkeit
Der reichen mir verliehnen Erndt’, bewundert’ ich die
schwehren Aehren
Derselben, und der Körner Grösse. Ich raufte, mit be-
gier'ger Hand,
Von ihnen ein halb Dutzend aus, da ich denn halb er-
staunet fand,
Daß mir die sechs, drey hundert Körner, so, daß nicht ei-
ner fehlt, gewährt.
Ob dieses, da der grosse Geber solch einen Segen mir be-
schehrt,
Nicht einer inniglichen Freude, nicht Dankens und Be-
wunderns wehrt,
Wird kein Vernünft’ger leugnen dürfen. Ich danke denn,
in meiner Lust,
Die aus dem Schmecken Deiner Lieb’, o GOtt, in meiner
frohen Brust,
Indem ich es erweg’, entstehet, Dir, Der Du aller guten
Gaben,
Die uns ergetzen, nähren, tränken, erhalten, kleiden,
speisen, laben,
Der einz’ge Born und Ursprung bist. Schau, ew’ge
Brunnquell aller Güte,
Mein durch die Ordnung der Natur recht inniglich ge-
rührt Gemühte,
Mit Lob und Preis und Dank erfüllet, als ein gefällig
Opfer an
Von einem, der in seiner Armuht nichts, als was Dein,
Dir reichen kann!
Laß Deinen mir geschenkten Segen, nachdem des nahen
Feindes Schwerdt
Durch Dein allmächtigs Wollen itzt von unsern Grenzen
abgekehrt,
Aus Gnaden mir zu Nutzen kommen! Laß, wenn wir
es mit Lust geniessen,
Was mir geschenket, nebst den Meinen, den Meinigen
und mir erspriessen.