[Gedenck/ o Mensch/ dich zu beschicken]

By Hans Aßmann von Abschatz

Written 1672-01-01 - 1672-01-01

Gedenck o Mensch dich zu beschicken

Wie bald ists nicht mit dir geschehn

Wer heute seine Macht läst sehn

Liegt leichtlich Morgen auff dem Rücken;

Ein Tag voll Sonn und heller Lufft

Schickt mehrmahls in die dunckle Grufft

Was schien kein Ende zu gewinnen

Und was man liebet und erhebt

Verschwindet bald aus Hertz und Sinnen

Wanns uns nicht mehr für Augen schwebt.

Indeß hält dein verstocktes Hertze

Der Sinnen Irrlicht so verblendt

Daß es nicht fühlet sieht noch kennt

Was ewig freu' und ewig schmertze.

Die träge Schlaff-Sucht wiegt dich ein

Daß keiner heilgen Flamme Schein

Die todte Finsterniß durchdringet

In Blindheits-voller Mattigkeit

Die den erstorbnen Geist bespringet

Verschläfft verderbst du deine Zeit.

Ach ändre bessre die Gedancken

Besinne klüger was du thust

Und zwinge deine freye Lust

Mit Ernst in ausgesteckte Schrancken

Denck handle liebe so mit Fleiß

Als ob der lezte Todes-Schweiß

Dich stündlich übereilen wolte

Als ob dein lezter Augenblick

Einträt und nun entscheiden solte

Dein ewig Weh und ewig Glück!

Wer Sorge trägt für sein Gewissen

Der schaut den Tod nicht anders an

Als eine Freuden-volle Bahn

Zu wünschens-würdigem Genüssen.

Er kan das klappernde Gebein

Der dürren Wangen bleichen Schein

Mit unverwandtem Mutt ertragen

Denn jenes bildet ihm nur hier

Das Ende seiner Müh und Plagen

Und die der Freyheit Eingang für.

Fleuch für der Schuld und thue Busse

Wiltu genüssen ewger Ruh

Damit du nicht in fauler Muße

Dem grossen Hauffen rennest zu.

Bereite dich ja ohn Verdruß:

Denn hast du heute nicht den Schluß

Wird er dir morgen leichter fallen?

Hast du das Ziel in deiner Hand

Daß dir bey deinem rohen Wallen

Der Morgen noch wird zugewand?

Was hilfft dich auch dein Längerleben

Wenn keine Besserung dabey

Als daß es mehrer Sünd ergeben

Auch mehrer Straffe schuldig sey?

Wird mit der hohen Jahre Zahl

Nicht offtermahls zu Stein und Stahl

Der Schwamm so unsre Seel umgeben?

Das Hertze will dem Peche gleich

Nur länger an der Erde kleben

Und sehnt sich nicht nach Gottes Reich.

Ach wolte Gott daß unsre Sinnen

Nur möchten in sich selbst entzückt

Zum gutten Recht und wohlgeschickt

Bißweilen einen Tag gewinnen!

So sehn wir daß der schwere Geist

Sich nur auffs Irrdische befleißt

Prangt offt mit hinterlegten Jahren

Doch fragt man wie sie zugebracht

So läst der stumme Mund erfahren

Daß man auff wenig Gutts gedacht.

Scheint dir der Tod voll Furcht und Schrecken

So wisse daß dir mehr Gefahr

Und Scheu als ie zu fürchten war

Dein längres Leben kan erwecken;

Wohl ist es um den Mann bestellt

Der diesen stets in Augen hält

Sich mit ihm umzugehn bereitet

Der von sich selbst sich trennt und theilt

Sich selbst noch eh als ihn bestreitet

Der wird von ihm nicht übereilt.

Gewöhne dich dir selbst zu sagen

Wenn einer izt sein Leben schliest:

Es wartt auff dich was du izt siehst

Bald wird auch deine Stunde schlagen.

Wenn izt der frühe Tag erwacht

So zweifel ob sich biß zur Nacht

Dein flüchtig Leben werd erstrecken

Und schläffst du ein so dencke gern

Ob dich auch wieder werd erwecken

Der angenehme Morgen-Stern.

Kömmt nun die lezte Lebens-Stunde

So denckt man anders als vorhin

Die alte Schuld kömmt uns zu Sinn

Und brennet in verharschter Wunde;

Da wird uns bitter und vergällt

Da Höllen-straffbar vorgestellt

Was man anizt mit Frevel treibet

Wie wünscht man offt in solchem Nun

(Und glücklich wenn der Wunsch bekleibet!)

Noch Zeit zu wahrem Busse thun.

Wohl dem der eh die Kräffte schwinden

Der Eitelkeit und Sünd ablebt

Sich so in Buß und Reu begräbt

Daß ihn der Tod bereit muß finden!

HERR der du hast den Tod geschmeckt

Daß er uns nicht zur Hölle schreckt

Lehr mich der Erde täglich sterben:

Wenn ich denn schliesse meinen Lauff

Laß mich im Tode nicht verderben

Und nimm den lezten Seuffzer auff!