Gefährlicher Abweg der Vernunft.
Ich sahe jüngst ein weinend Kind, das halb im Grase
lag, halb saß,
Das, mit geschwollnen Augenliedern, mit Wangen, ganz
von Zähren naß,
Mit Fingern seine Augen rieb, verdrießlich und erbärmlich
flennte,
So daß man sein Geschrey kaum dulden, es aber auch nicht
schweigen könnte.
Ich hörte, wie ich es, warum es so erbärmlich weinte, fragte,
Daß es mir, mit verzognen Lippen, und heiserm Ton, zur
Antwort sagte:
“ich wollte starr die Sonne sehn,
„daher ist mir so weh geschehn.
Nachdem wir es nun aus der Sonnen, und in den
nah gelegnen Schatten
Gesetzet, und es allgemach, mit vieler Müh’, beschwichtigt
hatten;
Erwegt’ ich dieses Kindes Thun, mit einem ernsten Ueber-
legen.
Ich fand in ihm ein lehrend Beyspiel, und ein Erinnrung-
volles Bild,
Mit einem überzeugenden Beweis, zumahl für die, erfüllt,
Die, wie dieß Kind es mit der Sonnen, mit GOtt es selbst
zu machen pflegen,
Da sie nicht GOtt in Seinen Werken, worinn sie Jhn doch
sehen sollen,
Nein, mit Verachtung dieses Weges, Sein Wesen Selber
sehen wollen.
Die Sonne kann in den von ihr bestrahlten Cörpern auf
der Erden,
Mit vieler Lieblichkeit und Anmuht, gesehn, genossen und
gespührt,
So daß uns, im Genuß, der Geist zu ihren Herrlichkeiten
führt,
Nicht aber ihres Lichtes Quell’, in eignem Glanz, gesehen
werden.
Für unsre Augen ist allein die durch ihr Licht gewirkte
Pracht,
Nicht aber ihres Lichtes Abgrund, ihr flammend Meer
von Glanz, gemacht.
Will man die Ordnung der Natur aus Eigensinn und
Stolz verkehren;
So wird die nahe Straf’ im Jrrthum des Jrrthums Gröss’
uns deutlich lehren.
Wie sonst, so scheinet von der Gottheit auch hier die Sonn’
ein Schatten-Bild,
Voll Anmuht, Lieblichkeit und Nutzen, doch auch mit ernster
Lehr erfüllt.
Es will von ihres Lichtes Glanz der undurchdringlich helle
Schein
Genossen, aber nicht erblinzt, erforschet, noch ergrübelt
seyn.
Gott hat uns Seine Herrlichkeit, und Seine Weisheit, Lieb’
und Macht,
In Seiner schön- und weisen Werke ganz unausdrücklich
schönen Pracht
Gezeigt, und offenbahren wollen. Wir aber wollen sie nicht
sehn,
Und, um die Gottheit selbst zu finden, auf selbst erfundnem
Wege gehn.