Gefährlicher Abweg der Vernunft.

By Barthold Heinrich Brockes

Ich sahe jüngst ein weinend Kind, das halb im Grase

lag, halb saß,

Das, mit geschwollnen Augenliedern, mit Wangen, ganz

von Zähren naß,

Mit Fingern seine Augen rieb, verdrießlich und erbärmlich

flennte,

So daß man sein Geschrey kaum dulden, es aber auch nicht

schweigen könnte.

Ich hörte, wie ich es, warum es so erbärmlich weinte, fragte,

Daß es mir, mit verzognen Lippen, und heiserm Ton, zur

Antwort sagte:

“ich wollte starr die Sonne sehn,

„daher ist mir so weh geschehn.

Nachdem wir es nun aus der Sonnen, und in den

nah gelegnen Schatten

Gesetzet, und es allgemach, mit vieler Müh’, beschwichtigt

hatten;

Erwegt’ ich dieses Kindes Thun, mit einem ernsten Ueber-

legen.

Ich fand in ihm ein lehrend Beyspiel, und ein Erinnrung-

volles Bild,

Mit einem überzeugenden Beweis, zumahl für die, erfüllt,

Die, wie dieß Kind es mit der Sonnen, mit GOtt es selbst

zu machen pflegen,

Da sie nicht GOtt in Seinen Werken, worinn sie Jhn doch

sehen sollen,

Nein, mit Verachtung dieses Weges, Sein Wesen Selber

sehen wollen.

Die Sonne kann in den von ihr bestrahlten Cörpern auf

der Erden,

Mit vieler Lieblichkeit und Anmuht, gesehn, genossen und

gespührt,

So daß uns, im Genuß, der Geist zu ihren Herrlichkeiten

führt,

Nicht aber ihres Lichtes Quell’, in eignem Glanz, gesehen

werden.

Für unsre Augen ist allein die durch ihr Licht gewirkte

Pracht,

Nicht aber ihres Lichtes Abgrund, ihr flammend Meer

von Glanz, gemacht.

Will man die Ordnung der Natur aus Eigensinn und

Stolz verkehren;

So wird die nahe Straf’ im Jrrthum des Jrrthums Gröss’

uns deutlich lehren.

Wie sonst, so scheinet von der Gottheit auch hier die Sonn’

ein Schatten-Bild,

Voll Anmuht, Lieblichkeit und Nutzen, doch auch mit ernster

Lehr erfüllt.

Es will von ihres Lichtes Glanz der undurchdringlich helle

Schein

Genossen, aber nicht erblinzt, erforschet, noch ergrübelt

seyn.

Gott hat uns Seine Herrlichkeit, und Seine Weisheit, Lieb’

und Macht,

In Seiner schön- und weisen Werke ganz unausdrücklich

schönen Pracht

Gezeigt, und offenbahren wollen. Wir aber wollen sie nicht

sehn,

Und, um die Gottheit selbst zu finden, auf selbst erfundnem

Wege gehn.