Geisterrache

By Adolf Glaßbrenner

Written 1827-01-01 - 1827-01-01

Der Censor schlief, es war Mitternacht;

Da regt sich's in seinen Schranken;

Da standen die bleichen Geister auf,

Die ermordeten Gedanken.

Sie seufzten tief, sie seufzten schwer;

Sie wankten und schwankten hin und her,

Und: wehe! wehe! wehe!

Erscholl's in des Mörder's Nähe.

„Ich hatte das arme Volk zu lieb!“

Erhub der Eine die Stimme.

„Ich forderte das versprochene Glück

Mit schlecht verbißenem Grimme.“

Der Dritte sprach: „Ich war munteres Blut,

Ich verwechselte ein Mal Scepter und Knut'!“

Der Vierte: „Ich war ein Tadel

Gegen den lästigen Adel.“

„Ich forderte keck das freie Wort!“

„Und ich die Gleichheit der Rechte.“

„Ich sagte: die Fürsten gehörten dem Volk:“

„Und ich: wir wären keine Knechte!“

„Ich höhnte die traurige Petition.“

„Ich aber rief: habt ihr vergessen schon?

Unterdrückt, verbietet nur fleißig:

Ein Tausend Acht hundert und Dreißig!“

So sprachen sie alle in finsterm Groll,

Und schwuren Rache zum Himmel;

Drauf wirrt's und schwirrt's um des Schläfers Kopf

Das böse Geister-Gewimmel.

Sie krochen durch Nase, durch Ohr und Mund;

Sie rißen am Haar ihn, sie stopften den Schlund,

Sie tobten auf seiner Stirne,

Sie schrieen in seinem Gehirne.

Früh Morgens wurde dem Censor verliehn

Ein großer, langer Orden;

Er aber sah stier auf das bunte Band,

Denn er war wahnsinnig worden. –

An jenem Schrank', in der Nacht darauf,

Hing er mit dem Ordensbande sich auf,

Und draußen hörte der Wächter

Ein fürchterliches Gelächter.