Geistige Copie der Welt.

By Barthold Heinrich Brockes

Mein GOtt! da ich hier ganz allein (die Augen auf

die Welt gekehrt,

Die jetzt der Lenz beblühmet) sitze, auf alle Schönheit

Achtung gebe,

Die Himmel, Erd’ und Wasser zeigen, worinn Dich alles

zeigt und ehrt,

Dich, HErr, bewundre, mich vergnüge, in meiner Lust

Dein Lob erhebe;

So deucht mich, daß nur diese Zeit die wahre Zeit sey,

die ich lebe.

Ich fühle Dich in meiner Lust, ich finde, daß ich Dich

entdecke

In allem, was ich

riech' und schmecke.

Ich finde, da sich meine Sinnen auf Dich, in Deinen

Werken, richten,

Da sich mein Geist, von andern Dingen entfernet, nur

mit Dir befaßt,

In einer Unschuld-vollen Stille, in einer rechten Seelen-

Rast,

Sich Dein, in Deinen Wundern, freuet; daß dieß die wah-

ren Menschen-Pflichten,

Zu welchen wir erschaffen, scheinen. HErr, laß, was mir

von dieser Welt,

Wenn ich sie als Dein Werk betrachte, so unausdrücklich

wohl gefällt,

Dir auch aus Gnaden wohl gefallen! So oft als sich in

meinem Geist

Dein grosses Werk verkleinert, weis’t,

Als eine zarte Schilderey,

Von den Betrachtungen gebildet und gemahlet,

Von Deinem Gnaden-Licht bestrahlet,

Wünsch ich, daß die so kleine Welt aus Gnaden Dir ge-

fällig sey!

Und daß aus dieser nach dem Leben formierten ähnlichen

Copey,

In welcher, da sich unsre Lust zum Ruhm des grossen

Schöpfers füget,

Der eigentliche Zweck des Schöpfers, wozu Er Bilder

formte, lieget,

Denn ebenfalls erhellen möge, was uns die Schrift zu

wissen thut

Vom grossen Welt-Original: Was GOtt gemacht, ist

alles gut!